Weihnachten! Nicht ganz so stilecht wurde ich von einem wahnsinnig lauten Schlag aus der Wohnung über mir geweckt. Ich weiß nicht, was da umgefallen ist, es kann aber nicht leichter als ein 70 kg Schrank voller Bücher gewesen sein. Definitiv nicht. Das war vielleicht ein knall! Dabei ist es doch noch soooo früh! Und es hörte sich auch insgesamt so an, als würde da die Party abgehen. Sicher spielten die da oben jetzt mit ihren neuen Weihnachtsgeschenken, die sie heute früh entdeckt hatten...
Okay, es war schon halb 12. Aber ich war schließlich erst um halb drei im Bett gestern... der Heilige Abend wurde zu einer Heiligen Nacht. Und es fühlte sich eher nach 5 Stunden Schlaf an als nach 9, keine Ahnung wieso. Egal. Ich nutzte die Zeit, um ein bisschen mit zu Hause zu telefonieren. Meine Geschenke waren übrigens von der Treppe verschwunden, sehr schön. Ich zündete meinen mittlerweile schon recht runtergebrannten "Adventskranz" an und frühstückte in Ruhe. Danach genoß ich die Zeit und hörte per Internetradio ein paar Weihnachtslieder - neue so wie traditionelle. Das war ein wirklich guter Mix! Und irgendwie bereue ich es gerade, dass ich hier keine Weihnachtslieder-CD gekauft habe. Schließlich hört man hier sicher andere Musik als in Deutschland, auch wenn wir natürlich einiges übernommen haben. Naja, egal. Gibt schlimmeres.
Irgendwann fiel mir auf, wie spät es eigentlich schon war, und machte mich in Windeseile fertig zu meinem "Christmas-Dinner". Ich war natürlich überpünktlich und als allererste da, typisch deutsch, würden da einige jetzt wieder sagen :D Das Haus sah total nett aus, klein, aber wahnsinnig gemütlich, so wie viele Häuser hier. Meine Gastgeberin hatte wahnsinnig viel zu essen gemacht. Ja, ich kenne das ja schon von zu Hause, an Festtagen biegt sich der Tisch. Aber das hier war fast kein Vergleich zu den Mengen, die meine Mutter und meine Großmutter immer machen. Denn es war mindestens genauso viel, und wir waren nur zu fünft, wohingegen wir zu Hause meist mindestens die Doppelte Anzahl an Personen sind... Außer mir kam dann noch das Ehepaar und die Schwester meiner Gastgeberin. Ich aß nicht ganz so viel, und ehrlich gesagt hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass die Köchin ein wenig enttäuscht darüber war, aber leider konnte ich auch kaum etwas essen. Wenn die Dinge einzeln serviert werden ist das meist kein Problem, hier war aber viel gemischt und überall irgendetwas besonders "Böses" drin. Die anderen Gäste aber überzeugten sie irgendwann, dass ich glücklich und zufrieden sei, wenn ich das denn auch so sagen würde. Ich aß hauptsächlich Truthahn und eine Art Reisgemisch mit ganz viel Zeug drin. Ganz gut vertragen habe ich das nicht, daher bin ich auch froh, nicht ganz so viel gegessen zu haben. Aber für mich ist das Essen auch wahrhaftig nicht das Wichtigste an Weihnachten. Zumindest nicht mehr ;)
Ich verteilte dann noch meinen Rucksack voller Süßigkeiten, jeder war aber so voll, dass keiner von dem Zeug probieren wollte. Es sah tatsächlich so aus, als hätten wir nicht gegessen, als der TIsch abgeräumt wurde... Die Gespräche waren total nett und interessant, meine Nebensitzerin, die Vorsängerin aus der Kirche, wahnsinnig witzig und ich war richtig froh, hier zu sein. Noch interessanter wurde es, als die Nichte meiner Gastgeberin dann noch kam, die Tochter der Schwester. Sie war dann eher noch in meinem Alter, wenn vermutlich auch um einiges älter, aber ob dann 30 oder 60 ist schon ein Unterschied ;) Ich bekam sogar eine Geschenktüte voller Geschenke! Oh mein Gott, ich war ja so gerührt. Dabei wusste ich noch gar nicht, was sich darin alles versteckte... hätte ich das da schon gewusst wäre ich wohl vom Stuhl gefallen.
Da die anderen ihre Tüten auch nicht ansahen stellte ich meine auch erst einmal zur Seite. Nach einiger Zeit, ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, erfuhr ich, dass die Nichte bei Lucasfilm arbeitet. Oh mein Gott zum zweiten. Nicht auf der Skywalker Ranch, das wäre ja noch schöner ;) Nein, aber in dem Gebäude im Presidio, wo der Yoda-Brunnen steht. Daraufhin wurden wir aufgefordert, doch unsere Tüten zu öffnen, und während ich das tat, offenbarte ich der Runde meine "kleine" Star Wars Leidenschaft. Die Gruppe war begeistert, anscheinend bin ich da gerade an die richtigen geraten, und die Nichte war sogar fast enttäuscht, dass sie das vorher nicht gewusst hatte, sonst hätte ich andere Geschenke bekommen. Aber selbst das, was ich bekam, stellte alle meine Erwartungen in den Schatten. Ich bekam einen Schal, einen Pulli und ein Jäckchen. Als ob eines dieser Dinge nicht schon weitaus ausreichend gewesen wäre! Und außerdem noch ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck "Lucasfilm" vorne drauf. Und einen Lichtschwert-Kuli - mit dem Aufdruck "Skywalker Ranch". Mein Begleiter zu eben jener Ranch damals hatte mir ja schon von dem Rancheigenen Merchandising-Shop erzählt, den es dort angeblich geben sollte. Es schien ganz so, als ob der Kuli genau da herstammte. Wahnsinn! Obwohl sie mich nicht kannte weiß sie genau, wie man mich glücklich machen kann ;) Ich war so gerührt und sprachlos, das kann man sich gar nicht vorstellen. So viele Geschenke! Mein Gott, ich hatte nicht eines erwartet... Wie sollte ich mich je dafür bedanken können? Es war auch eine Karte dabei, auf der die Namen von allen draufsteht, als denke ich, dass das Geschenk von allen stammt. Einfach nur unglaublich.
Übrigens: Die Sängerin neben mir hatte ziemlich viel Merchandising bekommen, darunter Prototypen, die noch gar nicht auf dem Markt sind (eine Wasserflasche zum Beispiel). Denn die Nichte arbeitet irgendwas mit Merchandise... Ich fall gleich vom Stuhl ;) Die Macht muss mit mir sein, irgendwie. Wobei es, als ich später darüber nachdachte, eigentlich gar nicht so außergewöhnlich ist, dass ich dauernd Leute treffe, die damit zu tun haben. Denn schließlich sind wir hier in DER Geburtstadt der Saga. Und selbstverständlich haben die Leute dann mehr damit zu tun. Und selbstverständlich arbeiten dann auch ein paar Leute dort. Irgendwie war mir das alles nicht so klar, als ich mich für San Francisco entschieden hatte. Zum Glück vielleicht, sonst hätte ich a) hohe Erwartungen gehabt und mich über jede kleine Begegung nicht so wahnsinnig gefreut und b) hätten dann wohl alle gedacht, ich komme nur deswegen hier her. Das war definitiv nicht der Fall...
Bald schon ging das Ehepaar nach Hause. Ich war mir nicht sicher. Sollte ich jetzt auch schon gehen? Aber eigentlich wollte ich nicht, es war so nett hier... also dachte ich, ich bleibe einfach noch ein bisschen und gehe dann auch bald. Aus dem bald wurde aber später und später, denn die Gespräche mit der Nichte waren so unglaublich interessant (und nein, wir sprachen kaum über ihre Arbeit ;) ). Sie ist einfach eine ganz angenehme, tolle Person. Zumindest so auf den ersten Eindruck. Sie bot mir auch an, falls die Zeit noch reichen sollte, mir ihren Arbeitsplatz und alles dort zu zeigen. Ui, ich hoffe ja schon, dass das noch irgendwie klappt. Und warum treffe ich all die netten Leute, mit denen ich mir eine Freundschaft vorstellen könnte, erst so spät? Frustrierend. Da wünsche ich mir wirklich manchmal, doch noch ein bisschen länger zu bleiben. Ich erzählte ein bisschen was aus Deutschland, wie wir Weihnachten feiern und so etwas. Ist gar nicht so einfach wie man es sich vorstellt. Da fehlen einem dann doch oft die Worte, um etwas zu beschreiben.
Die Zeit rannte und rannte. Ich wollte gar nicht gehen - und das kommt bei mir gar nicht oft vor. Meist will ich, egal wie nett oder schön es irgendwo ist, dann doch irgendwann nach Hause. Das war hier nicht der Fall, ich fühlte mich pudelwohl. Aber absolut unhöflich wollte ich dann auch nicht sein, so verabschiedete ich mich um neun. Was schon wirklich spät war... Und ich hatte auch Hunger. So viel hatte ich ja nicht gegessen, mein Magen meldete sich. Meinen Aufbruch nutzten die Schwester und die Nichte dann ebenfalls zum Gehen. Die beiden fuhren mich tatsächlich noch die fünf Gehminuten nach Hause, trotz meiner Proteste. Unglaublich. Ach ja, ganz vergessen - die Schwester hatte mir auch noch eine Dose selbstgebackener Plätzchen geschenkt. Die ich ja leider nicht essen kann, aber die riechen so unglaublich gut! Falls mein Fruktosin rechtzeitig kommt probiere ich vielleicht einen. Bei dem Geruch kann ich nicht wiederstehen.
Der Abend war wunderschön gewesen. Auch heute hatte ich keine wirklichen Erwartungen gehabt, aber diese wurden phänomenal übertroffen. Womit habe ich das denn nur verdient? Und da soll mir noch einmal jemand sagen, die Amerikaner seien unhöflich oder oberflächlich. Pah. Klar, die gibt es auch, die gibts schließlich überall... Aber wer das ernsthaft behauptet, dem werd ich was erzählen. Denn die Amerikaner wie diese Familie oder auch B., die sich um mich gekümmert haben wenn ich es nötig hatte, das sind die Menschen, die mir auf ewig in Erinnerung bleiben werden. Wunderbare Menschen, die solche Aussagen nicht nur nicht verdient haben sondern vor denen man sich bei solchen Aussagen abgrundtief schämen muss. Ich bin so dankbar, dass mir diese Stunden heute vergönnt waren. Unglaublich dankbar. Und bin jetzt endgültig sicher, dass es richtig war, über Weihnachten hierzubleiben. Sonst hätte ich wohl ein wunderschönes Weihnachtsfest, das äußerlich vollkommen anders, im Herzen aber doch ziemlich gleich zu dem in Deutschland ist, verpasst.
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