B. hatte heute früh noch einen Besuch des Klavierreperateurs, so dass wir nicht genau wussten, wann wir würden losgehen können. A. und ich hatten ausgemacht, um zehn abmarschbereich fertig zu sein. Ich gebe zu, um zehn war ich das noch nicht, aber um fünf nach. Dennoch war ich froh, noch Zeit für eine Schüssel Müsli zu haben, denn der Anruf von B., der uns mitteilen sollte, dass sie fertig war, blieb erst mal aus. Irgendwann rief ich sie dann auf Anfrage von A. an, genau im richtigen Moment, denn B. meinte, sie hätte gerade das Handy geholt um mir Bescheid zu geben, dass der Herr eben raus aus dem Haus gegangen war. Sie müsste noch einmal mit dem Hund raus, aber dann ginge es los. Wir machten aus, dass sie dann noch mal anrufen würde, da sie aber einen kürzeren Weg hat als ich machte ich mich gegen elf auf zum Treffpunkt. Unterwegs musste ich ohnehin noch zur Bank... Kurz danach bekam ich auch den Anruf von B., gab A. Bescheid und fuhr weiter. Ich traf auf B. nur wenige Minuten nachdem ich angekommen war, super Timing. Auf A. aber warteten wir noch eine ganze Weile. Eine dreiviertelstuunde später war auch sie schließlich da und wir fuhren los Richtung Berkeley. B. hat dort studiert und auch ansonsten eine ziemlich lange Zeit ihres Lebens verbracht, kennt die Stadt also sehr gut. Irgendwie, ich weiß auch nicht warum, war ich aber nicht so sonderlich gut drauf. Ich fragte mich selber, wieso das so war, ich war aber von allem andauernd nur genervt. Von jeder kleinsten Kleinigkeit. Mir fällt gerade nichts mehr ein (typisch...), aber so nach der Art "die Fliege da hinten summt die ganze Zeit, das geht mir so auf den Wecker". Also ja - unnötig. Dementsprechend konnte ich an den ersten Stunden unseres Ausfluges einfach keine so richtige Freude finden, das änderte sich dann aber, als wir Mittag aßen. Vielleicht hatte ich nur unterschwelligen Hunger? Hm. Aber zurück zum Tagesablauf.
In Berkeley angekommen bezahlten wir erst einmal Toilettengeld in Form von Tee in einem Café und machten uns damit dann auf den Weg zur Bushaltestelle. B. hatte uns erklärt, dass sie, bevor wir den hundert Meter weiter entfernten Campus betraten, uns erst einmal die alte Studenten-Einkaufsstraße zeigen wollte. Und uns dann durch das berühmte Tor auf den Campus führen würde. Also nahmen wir den Bus und fuhren ein paar Haltestellen. Wir besichtigten den "People's Park" (ziemlich klein und unscheinbar), der eine große Rolle in der Studentenbewegung Berkeleys gespielt hatte, und die Einkaufsstraße. B. erzählte uns, dass diese früher viel größer und belebter war, viele Geschäfte sind ausgestorben. Das ganze Bild habe sich total geändert.
Wir hatten Hunger, und so wollten wir uns vor der großen Campustour noch einmal stärken. Ich aß Hamburgerfleisch ohne Hamburger (blöder High-Fructose-Corn-Syrup überall, ist echt nicht zum aushalten...) und Pommes. Die waren aber nicht so der Renner. Frisch und munter brachen wir dann in Richtung Campus auf. Heute war mal wieder ein herrlicher Tag, es war total warm und die Sonne schien. Richtig perfekt für einen Ausflug! Ich hatte die meiste Zeit sogar meinen Mantel offen und es war noch warm, es fühlte sich eher wie ein goldener Herbst als wie drei Tage vor Heilig Abend an. San Francisco entschädigt uns für den miserablen Sommer...Berühmtes Eingangstor
Und dann gings los, Campus Berkeley. Der ist wirklich viel schöner als der an der SFSU... Ich kann gar nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht an den Gebäuden? Klar gibts hier viele neue, aber auch einige schöne, alte. Die haben wir in San Francisco nicht... Die Bäume taten dann noch ihr übriges. Ein paar waren richtig bunt, und da merkte ich erst, wie sehr ich die bunten Bäume im Herbst hier vermisst hatte. So Laubbäume haben doch was für sich, das sah richtig schön aus!
B. zeigte uns das Musikgebäude und die ehemalige Bücherei. Die war wohl erst vor wenigen Monaten oder so umgezogen ins Nachbargebäude, ein totaler Neubau. Das wollten wir uns dann nicht entgehen lassen uns schauten da auch mal vorbei. B. kam ins Gespräch mit einem der diensthabenden Herren und erwähnte, dass sie zu ihrer Studentenzeit von den alten Schätzen gehört, sie aber nicht zu Gesicht bekommen habe. Da bot uns der Herr doch tatsächlich an, in den Raum hochzufahren und uns schnell ein bisschen was zu zeigen! Er meinte, normal würde er das nicht machen, aber heute sei auf Grund der Semesterferien so gut wie nichts los. Da ginge das schon. Also fuhren wir mit dem Aufzug in den temperierten Raum nach oben, wo die wertvollen Noten stehen. Wir waren schon im vorderen Bereich sehr beeindruckt, und wurden dann kurze Zeit später zu den hinteren Regalen geführt, in einen Bereich, der über Nacht mit einigen Sicherheitssystemen gesichert ist. Zu Recht. Der Bibliothekar zog eine Mappe aus dem Regal und hielt uns ein Blatt hin, voller Noten in recht unordentlicher Schrift und meinte halb nebenbei, dass das ein original Beethoven sei. Original!
Der Meister persönlich hat das Papier beschriftet! Wir drei zogen erst einmal hörbar die Luft ein und wagten danach nicht mehr zu atmen. Wahnsinn! Und meine Güte, ja, Beethoven war wirklich ein ziemlicher Chaot. Nach ein paar Fotos steckte er das weg und zog ein Buch heraus.
Ich weiß nicht mehr genau, aus welchem Jahrhundert es war, es war das 13te oder 14te. Verdammt alt also, auf jeden Fall. Es war ein Buch über Musik, was genau weiß ich auch nicht mehr. Entschuldigt, aber ich war ziemlich aufgeregt und konnte nicht fassen, was da vor meinen Augen war, da konnte ich mir doch nicht so unwichtige Dinge wie Jahreszahlen oder so merken ;) Es war auf Schafs- (oder wars doch Ziegen-?)haut geschrieben, und wir durften mit unseren Fingerspitzen sogar leicht drüberstreichen. Wahnsinn. Eine weitere Sache durften wir auch noch bestaunen - die Originalhandschrift von Stravinskys "Orpheus".
Im Gegensatz zu Beethoven sah das aus wie gedruckt. Kaum vorstellbar, dass das die erste Niederschrift gewesen sein soll? Kann ich irgendwie immer noch nicht glauben. Vielleicht habe ich da auch was falsch verstanden. So perfekt kann keiner sein. ;)Dann wurde es aber auch schon Zeit uns zu verabschieden, und weiß Gott, wie hatten ja wirklich einiges gesehen. Das hatten wir nicht erwartet... Wir redeten noch viiiel später über das Erlebte, und das ist wieder einer dieser Momente wo ich mir dachte, wegen so etwas war es dieses Semester wirklich wert. Wir wurden wieder nach unten gefahren und besahen uns jetzt auch noch auf eigene Faust die "normale" Bibliothek. Da gab es wirklich einiges an Büchern, sogar einige deutsche.

Kleines Schmankerl für die Österreichischen Mitbürger unter uns... ;)
Hätte ich nicht gedacht. Weiter gings, an einem sehr hübschen alten Gebäude vorbei, das wohl öfters für Hochzeiten gemietet wird. B. war selber auch schon auf zweien dort. Unser nächstes Ziel war der "Sather Tower", besser bekannt als der "Campanile", ein großer Glockenturm auf dem Campus.

Früher war das Hochfahren kaum teurer als das Papier für die Eintrittskarte, heute zahlt man immerhin schon zwei Dollar. Aber das geht immer noch... Wir drei fuhren also hoch, übrigens mit der letzten Fuhre, wir hatten Glück, der Turm war kurz vor dem Schließen. Da oben gabs eine schöne Aussicht, aber ein paar mal wurden mir die Knie dann doch im wahrsten Sinne ziemlich weich, als ich da runter blickte. Am Horizont konnte man auch gut Nebel erkennen, ist eben doch noch San Francisco'sches Wetter hier, zumindest ein bisschen. Die Glocken waren riesig, und ich fragte mich, wie laut das wohl ist, wenn die da oben läuten und man drunter steht. Ich fand es leider nicht heraus, denn als sie um vier Uhr vier mal erklungen waren wir schon ein Stockwerk tiefer und warteten auf den Aufzug. Ich rannte zwar schnell wieder hoch, war aber zu spät - vier Glockenschläge sind schneller vorbei als man denkt.

Weg zum Glockenturm
Letztes großes Ziel war die Campusbibliothek. Zwar haben die meisten Fakultäten ihre eigenen Büchereien, aber es gibt dennoch noch zwei große. Eine, die für die "normalen" Studenten und nicht für die Master, schauten wir uns an. Sie war wirklich sehr, sehr schön, und genau so, eine Unibibliothek in meinen Augen auszusehen hat. Nicht so wie die Bibliothek der SFSU, die momentan nicht wirklich existiert weil ein neues Gebäude gebaut wird (und ich wette auch dann wird sie viel zu modern aussehen). Und erst Recht nicht wie das kleine "Zimmerchen" in meiner Heimatunibibliothek. Sie sah mehr so aus wie die Bibliotheken in den Filmen immer. Ich weiß, dass es sicher auch in Europa und Deutschland solche Bibliotheken gibt. Aber ich hab leider das Pech, nicht an einer solchen Uni zu studieren... also gönnt mir einfach meine Bewunderung ;).


Langsam zogen wir dann richtung Ausgang. Die Sonne war am Untergehen, und ja, ich fühlte mich gut. Es war richtig schön und friedlich hier, und ich hatte das Gefühl, der Begriff "Fall" für Herbst würde hier nicht passen. Das hier war "Autumn". Und ja, ich weiß, dass beide Begriffe Herbst bedeuten und es offiziell keinerlei Unterschiede gibt. Aber autumn ist einfach viel poetischer und romantischer, es ist der Herbst aus Phanastien und Utopien. Und genau so fühlte es sich an, als wir da unter den bunten Laubbäumen im goldenen Sonnenschein dahinspazierten. Als ob man jetzt auf der Wiese die Schuhe ausziehen und tanzen möchte, jetzt gleich, mit leise herabschwebenden Blättern um einen herum, mit geschlossenen Augen und dem warmen Gefühl, das die Sonne auf dem Gesicht hinterlässt. Ja. Genau so.
Ein bisschen zu kalt war es dann dafür aber doch, und ich glaube, B. und A. hätten sich totgelacht, wenn ich das gemacht hätte. Oder mich gefragt, obs mir noch gut geht, wobei, zumindest A. kennt mich lange genug um zu wissen, dass das nicht so schlimm ist.Wir kamen noch an ein paar hübschen Gebäuden vorbei, und dann hatten wir den Campus durchquert. Das nächste Grobziel war der Heimweg, ich hatte allerdings im Internet noch einen Comicbuchladen entdeckt, der ziemlich nahe bei der Haltestelle war. Da wollte ich noch kurz reinschauen. DAS war, im Gegensatz zu denen, die ich bisher besucht hatte, wirklich ein toller Laden. Groß und mit vielen Comics in allen möglichen Richtungen. So gehört sich das! Dementsprechend kaufte ich auch ein, zwei Hefte (oder auch vier...). Ich brauche doch eine Erinnerung an den Tag! *hust* Letzter Halt vor der Heimfahrt war ein Tapioca-café, ein bisschen was zum trinken und mal wieder Toilettenzoll. Kennt ihr Tapioca? Ich habe davon, zugegeben, erst hier etwas gehört. Hier ist das sehr beliebt als Zusatz in allen möglichen Getränken und sieht dann aus wie eine dunkle Gummibärmasse-Kugel. Wie es schmeckt, keine Ahnung, das probiere ich mit meinem Bauch lieber nicht.
Dann gings aber wirklich nach Hause. Unterwegs fragte ich B. noch, weil wir gerade so schön zusammen saßen, ob sie unter Umständen mitkommt zum Flughafen, wenn ich heimfliege. Ich brauche jemanden, dem ich zur Not etwas in die Hand drücken kann, wenn was schief geht und ich was dalassen muss. Man weiß ja nie. Ich paranoides ich. Ich denke mir, ich sollte sie und ihren Freund noch zum Essen einladen oder so, bevor ich fliege. Allerdings sollte ich das bald planen. Oh je, die Zeit wird jetzt wirklich schnell vergehen!
B. stieg dann schon bald in die Muni um, A. blieb noch in der Innenstadt. Ich fuhr weiter, um dann am Ende einfach in meinen Bus steigen und heimfahren zu können. Ich war so todmüde... unglaublich. Mein Bus kam dann zum Glück auch bald, ansonsten wäre ich wohl noch erforen. Denn sobald die Sonne weg ist wirds hier wirklich eisig kalt, normal Winter-eisigkalt eben. Nur, dass man da täglich einen ganz schönen Temperaturunterschied hat. Verrückt.
Zu Hause lag ein dicker Brief vor meiner Tür. Ich freute mich schon und dachte, dass sei das bestellte Weihnachtsgeschenk für A., aber Pustekuchen. War "nur" ein T-Shirt, welches ich für den Bruder meiner Freundin bestellt hatte. Jaja, ich bekomme hier dauernd Lieferaufträge :D Am Ende brauche ich noch einen Koffer für die ganzen bestellten extras. Scherz. Nicht wirklich. Ich war so müde, dass ich mich kurz aufs Bett legte, nur gaaaanz kurz, ich muss nur kurz die Augen zu machen, dachte ich mir... um sie 45 Minuten später erst wieder zu öffnen. Verdammt. Das war mir ja schon lang nicht mehr passiert! Ich wollte schnell aufstehen und mein Skype anschmeißen, schließlich war es Zeit, dass meine Eltern online sein würden. Aber irgendwie fühlte ich mich mies. Krank und schwach und kalt und erschöpft. Und immer noch todmüde. Und ich hatte große Angst, jetzt doch noch mal krank zu werden... bitte nicht! Nach ein, zwei Stunden aber ging es mir ein bisschen besser und ich schob das alles auf die Mischung aus Erschöpfung und Müdigkeit. Einfach heute nicht ganz so spät ins Bett gehen, dann wird das schon wieder.



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