Ich war ja schon etwas aufgeregt, muss ich zugeben. Ziemlich früh klingelte unser Wecker - um 6:30 Uhr. Für manche mag das ja normal sein, aber hey, ich bin Studentin und hatte so gut wie keine Ferien ;) Müde quälten A. und ich uns aus den Federn, spritzten uns Wasser ins Gesicht und trabten dann zur Bushaltestelle. Tatsächlich kamen wir relativ pünktlich an der Uni an - und das, wo wir doch eigentlich recht früh losgefahren waren. Notiz: Man braucht oft länger als gedacht ;)
Vor dem McKenna Theatre des Creative Arts-Building waren schon ziemlich viele Studenten versammelt. Es gab Kaffee und Tee, außerdem ein bisschen was zu knabbern. Außerdem mussten wir in einer Liste unterschreiben, dass wir anwesend sind. Das kriege ich gerade noch hin... Natürlich fanden sich gleich wieder die "richtigen" Grüppchen. So standen wir zwischenzeitlich in einem Pulk mit noch vier weiteren deutschen Studenten und unterhielten uns - natüüüürlich auf englisch, klar, doch nicht auf deutsch... *Ironie aus*
Gegen neun gab es dann den Einlass ins Theatre. Am Eingang erhielten wir alle eine sehr hübsche Mappe mit ein paar Infozetteln - manche mehr, manche weniger nützlich. Drinnen war dann ein netter Saal mit großer Bühne, nur die Sitze könnten etwas bequemer sein... Aber man will ja nicht gleich meckern. Wir wurden von Marilyn Jackson begrüßt, unserer Ansprechpartnerin für alle Probleme, manche, so wie ich, hatten auch schon per Mail mit ihr Kontakt gehabt.
Wir erhielten eine Einführung was es bedeutet, in SF zu leben, diesmal von Noah Kuchins. Darin wurden essentielle Dinge wie Bankaccount, Handys, Einkaufen und Wohnviertel besprochen - dummerweise betraf das meiste mich und A. gar nicht mehr. Ein Zimmer hatten wir schon, ebenso wie ein Handy und ein Bankkonto. Einkaufen waren wir auch schon in fast allen angesprochenen Läden - naja, wir sind halt Frühchecker ;) Wir fanden bei der Gelegenheit aber heraus, dass schätzungsweise die Hälfte der Anwesenden, ungefähr 500 internationale Studenten, noch keine Bleibe hat. Hm. Da hatten wir wirklich Glück.
Im Anschluss gab es Infos über die Campussicherheit. Noch einmal die Betonung, bloß nicht zu rauchen, nur an den ausgeschilderten Stellen. Außerdem erfuhren wir, dass der Campus seine eigene Polizeifiliale hat - das finde ich super! Auf dem Campus selbst ist es also relativ sicher, nur außerhalb wird dann nicht mehr patroulliert. Wir erfuhren außerdem vond er Bedeutung der verschiedenen Telefone auf dem Campus - Notfalltelefone und so weiter. Und es gibt eine Art Eskortservice ab einer bestimmten Uhrzeit, man kann anfragen und wird dann durch den Campus zum Beispiel zur Bahnhaltestelle begleitet. Ist für Abendkurse sicher sehr angenehm.
Danach schloss sich ein Erdbeben-Verhaltensvortrag an (ich weiß, das wird jemandem hier sehr gefallen... ;) ). Wir erfuhren, wie wir uns bei einem Beben verhalten sollen, was wir unterlassen sollten und welche Gegenstände man immer im Haus haben sollte. Außerdem, dass man bestimmte Orte ausmachen soll für den Fall, dass alle Verbindungen zusammenbrechen. Schließlich wartet SF schon auf sein nächstes großes Erdbeben... ich bete inständig, dass es nicht kommt, so lange ich hier bin!
Anschließend gabs endlich Mittagspause. In der großen "Mensa" der Uni fand ich sogar etwas zu essen - allerdings ohne Info, was da drin ist. Die Schlange beim essen war so groß, da wollte ich nicht nachfragen. Bei Reis mit frittiertem Hühnchen stehen die Chancen aber hoch, dass nicht allzuviel Böses drin sein sollte. Auch wenn der Reis verdächtig rot aussah - Zeichen für Tomatensoße. Ich verzehrte alles mit je zwei Kapseln Fructosin und Lactrase, das sollte für den Notfall eigentlich reichen. Und als, nachdem ich fertig war, die Schlange auch verschwunden war, fragte ich mal nach, was denn da so drin gewesen sei. Keine Milch, kein Zucker, kein Fruktosesirup versicherte mir der "Koch". Hm, okay. Ich werde dann mal langsam die Dosen runtersetzen und alles morgen nur mit einer Lactrase probieren ;)
In einer großen Halle gab es dann noch ein bisschen "Information Fair" - das klingt nach dem, was es war. Ein bisschen Info hier und dort, außerdem konnte man ein paar kleine Gadgets wie Kulis abstauben. Am Sporttisch erfuhr ich allerdings erfreuterweise, dass zu bestimmten Uhrzeiten bestimmte Sportarten an der Uni kostenlos möglich sind - inklusive Schwimmbad. Na da bin ich mal gespannt, wie voll das ist - und wie viel ich das nutzen werde!
Wir hatten noch etwas Zeit, bis es weitergehen würde, also machten wir ein wenig den bookstore unsicher. Hier gibt es Bücher (Fach- wie Trivialliteratur), Computerprodukte und - Merchandising. Viel Merchandising. Ich verstehe jetzt, wie Rory von den Gilmore Girls so viel Yale/Harvard Zeug in ihrem Zimmer haben konnte ;) Da gibt es wirklich Unmengen an Zeug mit verschiedenen Schriftzügen, alles von der Uni. Leider finde ich das Maskottchen der Uni, ein Krokodil, nicht gerade hübsch - oder zum Glück, da fällt schon mal die Hälfte der Produkte weg ;) Man wird wirklich sehr dazu verleitet, da Zeug einzukaufen. Was ich aber wirklich lassen kann, denn alles heimzubringen ist Schmarrn. Kleine Sachen werden aber vielleicht den Weg in meinen Koffer finden - ein Ordner zum Beispiel (den brauch ich ja ohnehin) oder ein Wimpel. Der macht sich sicher gut in meinem Zimmer... Außerdem gab es Handschuhe und Mützen! Die hatte ich ja schon überall gesucht. Leider etwas zu teuer, als dass ich sofort zuschlagen würde. Und natürlich - T-Shirts und Pullis. Ein Pulli muss auf jeden Fall sein, auch wenn die natürlich auch ziemlich über den Preis eines von mir normalerweise gekauften Pullis hinausgehen. Aber das ist dann doch einfach Pflicht. Ach ja - und natürlich musste ich auch über eine Yoda-Figur nebst Yodasprüche-Büchlein stolpern. Aber ich habe wiederstanden ;)
Da mussten wir auch schon wieder zurück zu unseren Panels. Weiter ging es dieses Mal mit Studenten, die uns ein wenig erzählten, wie es an der Uni so läuft. Waren meist selbstverständliche Dinge wie "nicht im Unterricht essen" oder so, ein zwei Infos konnte man aber vielleicht schon mitnehmen. War ganz in Ordnung.
Was hingegen nicht in Ordnung war war das nachfolgende Panel. Diesmal: Professoren, die uns ein wenig erzählten, wie es an der Uni so läuft. Diesen Satz kennt ihr schon? Ja, so ging es uns eine Stunde. Wir erfuhren noch einmal, dass man im Unterricht nicht essen sollte, dass man das Handy ausmachen und nicht zu spät kommen soll. *Gähn* Als ob wir das nicht wüssten. Als ob uns das nicht schon gerade erzählt worden war. Und ganz ehrlich - wer so was nicht weiß hat an einer Uni eigentlich auch nichts verloren. Das ist doch eigentlich selbstverständlich... nun ja. Aber auch diese Stunde war irgendwann überstanden ;)
Auf dem Heimweg kamen wir noch einmal am bookstore vorbei, fragt mich nicht warum wir da noch einmal reingingen... aber beim rauslaufen entdeckte ich etwas. Eine Mütze, auf 9 $ heruntergesetzt. Na wenn das nicht ein Wink der Macht war... also war mein erstes Merchandisingprodukt doch schneller gekauft als gedacht. Aber schließlich brauche ich das Ding bei dem Wetter hier auch...
ich bin nicht zu den BVB-Fans übergetreten - das Ding ist dunkelgrün ;)
Erschöpft nach unserem ersten Tag der Orientation Week fuhren wir heim. Und ich überlegte. Eigentlich ging es mir psychisch gerade ganz gut, es war 4 Uhr - ich würde es also wagen. Ich würde heute umziehen in mein neues Zimmer! Denn die Frage war, wann würde ich es sonst machen und schaffen? Mein ganzes Gepäck bereitete mir Sorgen, aber das würde ich schon irgendwie packen.
Dachte ich.
Bis ich dann im Zimmer stand und vor Verzweiflung nicht wusste, was tun. Wo hatte ich in einer Woche so viel Zeug ansammeln können? So viel hab ich doch gar nicht gekauft?!? Also musste eine Lösung her. Wie schaffe ich ohne Auto, nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln, einen großen Koffer (mindestens 22 Kilo), einen Trekkingrucksack, einen Handgepäckskoffer, eine riesige Ikeatüte voll Bettwäsche, eine Papiertüte und einen Plastikmülleimer voll Zeug in meine Wohnung, mit nur zwei Händen? Und das ohne die Macht?
Unmöglich, beschloss ich. Ich hatte also drei Möglichkeiten. Entweder, ich bleibe doch hier. Oder ich nehme nicht alles mit, wobei da die Frage wäre, auf was kann ich verzichten. Oder - ich rufe ein Taxi.
Letzteres tat ich dann auch, nachdem ich mich informiert hatte, dass eine Taxifahrt wohl wo um die 12 $ kosten würde - und da das mit den Berechnungen nie klappt dachte ich, dass ich so mit 20 $ sicher zurecht kommen müsste. Das Taxi war wenige Minuten nach dem Anruf schon da, der Taxifahrer erzählte mir später, er sei nur 3 Blocks weiter weg gewesen. Hui, da ging alles plötzlich schnell! Das Zeug und ich waren schneller im Auto, als ich "X-Wing" sagen konnte, und ab gings zu meinem neuen Zuhause. Wir unterhielten uns ein wenig, auch wenn ich teils Probleme hatte, ihn zu verstehen. So viel fand ich zumindest heraus, er war Inder und wollte vielleicht gegen Ende des Jahres nach Europa fliegen. Und fragte mich, wie weit es von Deutschland nach Rom und Frankreich wäre ("In Rom soll es doch schöne Kirchen geben, nicht wahr?"). Über meine Antworten reagierte er denn beide male mit einem überraschten "Driving?!?" - er konnte nicht so recht glauben, dass die Orte so nah beieinander liegen. Kein Wunder bei den Entfernungen in den USA.
Er fuhr einen recht merkwürdigen Weg, ich bin mir sicher, es hätte einen kürzeren gegeben - aber am Ende standen 15 $ auf dem Taxameter, ich gab 18 (und ich hoffe, das war okay so...) und war einfach nur froh, es hierher geschafft zu haben. Und das ohne Knochen-, Zusammen- oder Schweißausbrüche. Juhu!
Tja, da stand ich nun. In meinem neuen Zimmer, mit Sack und Pack. Allem, was ich aus Deutschland mitgenommen hatte, meinem gesamten Hab und Gut auf diesem Kontinent. Und begann, alles auszupacken. Das lief gut bis ich ungefähr bei der Hälfte war, und dann überkam es mich plötzlich. Ich sah mir die Sachen an, die ich mitgenommen hatte, und erkannte, dass es alles war, was mir von meinem geliebten Deutschland und meinen geliebten Freunden und Familie momentan geblieben war. Und realisierte beim Auspacken, dass das hier für die nächsten 5 Monate meine Bleibe sein würde. Dass es kein Zurück mehr geben würde. Dass ich alleine und einsam bin, auf mich gestellt in einem fremden Land, auf einem fremden Kontinent. Was hatte ich mir bei all dem nur gedacht?
Ich war kurz davor, alles wieder einzupacken, irgendjemanden darum zu bitten, mich zum Flughafen zu fahren, weg, einfach nur weg hier, nach Hause, jemanden, der mich in den Arm nimmt. Gleichzeitig wusste ich aber auch genau, dass das Blödsinn war. Dass das nicht so einfach gehen würde. Und dass alles irgendwann gut werden würde, ich nur die erste Zeit überstehen musste. Ich wusste das alles - konnte mich aber nicht überzeugen. Und saß somit in meinem halb eingeräumten Zimmer auf dem Bett und weinte. Bis - ja, bis mein Vater plötzlich online war. Ich weiß nicht, wem ich dafür danken soll - Gott, der Macht, dem Schicksal oder meinem Bruder, dass letzterer ausgerechnet heute früh zum Flughafen gebracht werden musste und mein Vater daher schon um 6 Uhr vor dem Computer saß. Als hätte er was geahnt... Es war das Beste, was mir passieren konnte. Zwar ging es mir hinterher immer noch nicht super, ich hatte aber nicht mehr den starken Drang, wieder ein Taxi zu rufen und war in der Lage, mir etwas zu Essen zu machen.
Warum ich das hier jetzt so öffentlich schreibe?
Weil auch das dazu gehört. Weil ich denke, dass es vielen so geht, und weil es wohl bis zu einem gewissen Grad normal ist. Heimweh zu haben, seine Entschlüsse zu bereuen, ist etwas vollkommen menschliches - vermutlich wäre es eher komisch, hätte ich nicht irgendwann einen solchen Absturz gehabt. Denn es war ein Absturz, seit meiner Ankunft war es mir nicht so dreckig gegangen, und in den ersten Tagen war es wirklich nicht einfach mit meiner Psyche. Es war wohl wirklich regelrechte Panik. Ich denke aber, dass ich sie durch die Hilfe meiner Eltern schneller überwinden konnte, als ich selber gedacht hätte. Innerhalb weniger Stunden hatte ich mich von einem Gefühl von "Yeah, ich schaffe heute alles, mir geht es großartig!" über ein "Ich fliege nach Hause" bis hin zu einem "Es ist okay, ich schaue mal, was jetzt noch kommt" entwickelt. Mal sehen, wie das so weitergeht ;)
Beim schlafengehen dann öffnete ich zum ersten Mal die Box. Die Box, die mir meine lieben Freunde zum Abschied geschenkt haben, aus der ich ein Zettelchen herausholen sollte, wenn es mir mal schlecht geht. Das habe ich getan, ihr Lieben, danke euch dafür! Ich werde jeden einzelnen aufheben, und hoffen, dass ich die Box nicht mehr allzu oft öffnen muss.

Bin ich froh, dass wir dir das mitgegeben haben! :) (ich hoff, du hast nen guten Zettel erwischt- kannst ja auch gern ins andere Blog posten ;) und er hat dich auch ein bissl aufgeheitert! :)
AntwortenLöschenSchade, dass ich um 6 Uhr weder schon oder noch wach bin; aber wenn du mich online siehst, weißt du eh, dass du jederzeit mit mir reden kannst! Oder schick ne SMS, dann komm ich notfalls sogar in der Nacht hoch wenn ich sie hör!
Und: YEAAAAAAAAAAAH!!! zum Erdbebenvorbereitungsdings! Ich hoffs natürlich auch nicht, aber haben sie vielleicht Helme verteilt? :X Und kannst du mir dann mal erzählen, was die so verzapft haben? :D
Ne, Helme haben wir nicht bekommen :D Es war eher eine kurze Zusammenfassung, wenn ich mal Zeit habe schreibe ichs dir genauer auf. Hab alles brav mitgeschrieben :D
AntwortenLöschenIch bin sooo stolz auf dich! :D
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