Mittwoch, 24. August 2011

Tag 16 (23.08.)

Wenn man vor einem wichtigen Tag steht plagen einen oft Alpträume. Ich denke, der Schlimmste ist wohl, zu verschlafen, seine Kleidung nicht zu finden und dann nackt zu spät zu kommen. Tja... ganz so schlimm war es nicht. Der Teil mit dem verschlafen stimmte aber so ziemlich. Um 9:20 Uhr nämlich schaute ich auf mein Handy - fast eineinhalb Stunden nach der Zeit, zu der ich eigentlich hatte aufstehen wollen. Und 10 Minuten vor der Zeit, zu der ich aus dem Haus musste. Gott sei Dank nicht allzu spät! 10 Minuten reichen locker, um sich schnell anzuziehen, eine schnelle Morgentoilette zu machen und Zähne gründlich zu putzen, um sich dann schnell noch die Jacken anzuziehen und mit dem Rucksack auf dem Rücken pünktlich aus dem Haus zu wutschen. Zum Glück war ich gestern so weitsichtig und hatte schon alles tip top fertig gepackt... Das trockene Brot wurde dann auf dem Weg verzehrt, alles kein Problem ;) So begann also mein erster Unitag an der SFSU. Wie man es sich immer erträumt hat ;)
Ich war dann aber sogar noch überpünktlich - zu früh, würden andere wohl sagen. Fünf vor zehn stand ich, uneingesungen, vor der Tür, in der die Audition für den Chor abgehalten werden sollte. Und wartete. Bis dann fünf nach zehn schließlich der Chorleiter ankam (sah mir nicht viel älter aus als ich... hm. Ein fortgeschrittener Student vielleicht?), sich entschuldigte, uns (wir waren mittlerweile drei, die warteten, obwohl nach mir auf der Liste erst mal eeewig niemand sonst kam) Zettel zum ausfüllen gab (Name, Erfahrungen und so) und mich dann weitere fünf Minuten später in den Raum bat (Was gemerkt? Ich liebe Klammern einfach ;) ). Er fragte mich nach meiner Stimmeinschätzung - hoch oder tief? Ich meinte, eher hoch. Und da gings dann schon los - eine einfache Einsingübung in die Tiefe. Und danach eine in die Höhe. Ich kam bis zum a - halbwegs ohne brechen. Höher wäre kaum gegangen, das merkte er auch, hörte auf und fragte mich, wie hoch ich normalerweise komme. Ich meinte, so um den Dreh, bis zum g ziemlich sicher. Ich durfte noch etwas vom Blatt singen (in Moll), die ersten paar Takte liefen ziemlich gut, irgendwann verrutschte ich aber. Ich merkte es gleich, er merkte, dass ich es merkte, alles kein Problem. Dann die erleichternde Ankündigung - ich hätte auf jeden Fall das Zeug für den Uni-Chor, er würde mich wohl in den Sopran zwei stecken. Supi, danke :D Und wenn ich wöllte, könnte ich auch im Womans Chorus mitsingen. So weit ich das gelesen habe ist das wohl ein Chor, in dem jeder mitmachen darf, mit oder ohne Erfahrung. Ich würde gerne mitmachen, wenn ich dafür was anderes nicht machen müsste, aber leider ist zeitgleich meine einzige Vorlesung, Survey of Jazz. Wird wohl also nicht gehen, das sagte ich ihm auch. Er meinte, ich kanns mir ja mal überlegen. Ich glaube, die brauchen dringend Leute ;)
Nach ein paar Minuten war ich also wieder draußen, zum Glück war alles, trotz des schlechten Starts heute früh, noch gut gegangen. Jetzt hätte ich mir eigentlich bis um zwei frei nehmen können - denn um 11:10 Uhr war die Veranstaltung, die ich genommen hätte, wäre ich nicht in den Chor gekommen. Das Sicherheitsnetz, sozusagen. Ich dachte mir aber, reinschauen kann nicht schaden - dann weiß ich wenigstens, wie so was abläuft.
"Music for Children" hieß die Sache, ich stellte mir so was in Richtung theoretisches EMP vor. Also eigentlich etwas, das ich schon fertig studiert habe - aber man kann ja nie fertig gelernt haben. Ich fand es ganz interessant rauszufinden, wie die Amerikaner Musik unterrichten.
Statt der 30 zu erwartenden Studenten quetschten sich ganze 43 in den Raum - "Kurse crashen" nennt man das hier. Man taucht einfach auf, obwohl man offiziell keinen Platz bekommen hat, und versucht, den Dozenten davon zu überzeugen, doch noch einen weiteren Platz für sich zu eröffnen. Ziemlich bald bemerkte ich - dieser Kurs war völlig unter meinem Niveau. Ich war die Einzige, die als Hauptfach Musik hatte, alle anderen waren zukünftige Lehrer. Die teilweise noch nie etwas mit Musik zu tun gehabt hatten. Also würde in diesem Kurs unter anderem auch gelehrt werden, wie man einen Rhythmus hält, Noten lesen und - Blockflöte spielen. Natürlich auch etwas unterrichten, aber bevor man das kann müssen erst die Basics her. Ganz ehrlich, vermutlich hätte ich diesen Kurs bestanden ohne regelmäßig teilzunehmen. Und ohne zu lernen. Also absolut nichts für mich. Gut zum entspannen, aber lernen? Wird wenig.
Also ging ich nach dem Kurs zur Dozentin und erläuterte ihr, dass ich aus dem Kurs austreten würde. Sie fragte gleich, ob ich XY wäre, denn sie würde mir dazu raten, nicht diesen Kurs, sondern den Nachfolgekurs im nächsten Semester zu belegen. Tja, dummerweise bin ich da schon weg. Schade. Der wäre vielleicht wirklich was für mich gewesen. Jetzt freut sich wenigstens jemand von der Warteliste ;)
In der Mensa, die A. und ich jetzt besuchten, war schon die Hölle los. Eindeutig - es war der erste Unitag! Und soll ich euch was verraten? Sogar die Sonne hatte das kapiert. Und scheinte in ihrer schönsten Pracht. Wir konnten draußen essen, nur im T-Shirt (und natürlich in Hosen)! Ich hatte sogar Anst, Sonnenbrand zu kriegen. Der Wahnsinn. Ich hatte ja schon die Hoffnung, der Sommer würde hier endlich beginnen, aber - Pustekuchen, drei Stunden später sollte sie schon wieder verschwunden sein und das Wetter wurde wieder eiskalt. Beim Essen trafen wir auch auf einen Studenten aus unserer Heimuni, ein Amerikaner, der bei uns studiert und gerade hier auf Besuch ist. War wirklich witzig - trotz zehntausenden von Studenten liefen wir uns über den Weg. Während A. dann schnell zu ihrem nächsten Kurs huschte hatte ich noch eine Stunde Zeit und versuchte, im Bookstore die Yogaheftchen für uns beide zu besorgen. Das war ein Abenteuer für sich... denn da ich nicht genug Geld dabei hatte, musste ich erst einmal zum Automaten. Bei dem ich dann erst einmal zehn Minuten anstehen durfte. Währenddessen löste sich zum Glück die Schlange derer, die vor dem Bookstore standen - es wurde wieder eingelassen. Vorher war es zu voll gewesen. Ich schnappte also schnell mein Zeug und ging mich anstellen - einmal quer durch den halben Bookstore. Ich stand gute 25 Minuten in der Schlange. Oh je, das wird noch was hier... Gerade noch rechtzeitig konnte ich zahlen, dann wurde es aber auch schon Zeit für meine Vorlesung. Mittlerweile war ich im Mittagstief angekommen, und so saß ich dann in dem Theaterähnlichen Raum (normale Theatersessel, mitschreiben also auf dem Schoß) und versuchte mitzukommen. Auf englisch. Und gleichzeitig nicht einzuschlafen. Und alles mitzuschreiben. Hui. Hier packte mich zum ersten Mal dann wieder meine Panik und Angst. Wie sollte ich in der Lage sein, bei dieser Vorlesung gut mitzukommen und alles zu notieren? Ich war erst einmal damit beschäftigt, den Dozenten akustisch zu verstehen. Und dann musste ich auch inhaltlich noch kapieren, was er sagte. Manchmal nicht schwer, oftmals fehlte mir dann aber das eine oder andere Wort, und durch ein weiteres, das akustisch fehlte fehlten mir oft verständnishalber ganze Sätze. Ich versuchte, wenn möglich alles auf englisch mitzuschreiben - das grenzte schon fast an Musikwissenschaft, und das in der ersten Stunde. Die Vorlesung ist sicher spannend, aber es wird viel verlangt. Zumindest von mir, denn die doppelte Belastung von inhaltlichem Mitdenken und Sprachverständnis setzte mir doch sehr zu. Für englischsprachige war es vielleicht nicht so schlimm ;) Nach den 75 Minuten jedenfalls war ich fertig. Fix und. Und mein Männlein im Kopf fragte mich, wie ich das vier Monate lang durchhalten soll... Nach einem kurzen Treffen mit A., in dem sich meine Kopfschmerzen dann langsam zu erkennen gaben, ging ich mal wieder Geld ausgeben - im Bookstore ;) Schließlich musste jetzt auch noch das Buch für die Jazzvorlesung gekauft werden. Im entsprechenden Fach lag aber nur ein Hardcoverbuch, der Dozent hatte ganz sicher aber ein Softcover gehabt. In Deutschlant hätte ich das wohl einfach gekauft, hier aber war ich unsicher. Stimmte das nun? War das eine falsche Ausgabe? Also ging ich in dem Chaos auf die Suche nach einem Angestellten, der mir würde helfen können. Nach ein paar Minuten fand ich auch einen, sprach ihn an, erklärte mein Problem - und bekam als Antwort erst einmal ein "Are you German?". Whäm. Mist. "Ähm,, yes, I am..." - "Okay, dann komm mal mit. Ich bin auch aus Deutschland, ich lebe hier nur..." War ich doch tatsächlich an den wohl einzigen deutschen Bookstoremitarbeiter hier geraten. Naja, weiß ich natürlich nicht mit Sicherheit, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch hoch. Jedenfalls half er mir dann mehr oder weniger weiter (das würde schon stimmen, wenn nicht - eben bis zu einem bestimmten Termin zurückgeben). Diesmal musste ich nicht ganz so lange anstehen, der Mittagspausenansturm war vorbei, zehn Minuten waren es aber trotzdem.
Eigentlich hatte ich in der Pause zwischen Jazz und Yoga ein wenig üben wollen. Ich fühlte mich aber völlig ausgelaugt, leer und erschöpft - keine guten Voraussetzungen. Also beschloss ich, noch mal etwas zu "Mittag" zu essen und die restliche halbe Stunde zu lesen (wofür trage ich auch immer meinen Kindle mit mir rum). Ich wanderte von einem Ort zum nächsten - von draußen nach innen, vom Untergeschoss nach oben, aber nirgendwo blieb ich länger als fünf Minuten. Draußen zu kalt, unten zu dunkel, oben zu laut. Also gab ich auf und suchte A. auf, mit der ich dann gemeinsam zu Yoga lief. Dort warteten schon einige, und aus den einigen wurden viele. Im Raum dann (ausgelegt mit Matten für Judo, Karate oder so was) waren wir schließlich eine ganze Menge. A. und ich hatten uns auf der Toilette umgezogen, Umkleideräume schien es hier nicht zu geben. Die Dozentin sprach davon, dass sie letztendlich doch 55 Leute in diese Klasse lassen würde, das sei das äußerste Maximum. Ja, sehe ich ähnlich... 55 Leute in dem Raum sind wirklich ein Haufen. Wir besprachen den Stundenplan für das Semester und einige wenige Regeln (nicht mit Schuhen auf die Matten und so...), und dann machten wir noch eine Atemübung. Oder so. Wir legten uns in vier Reihen hin, das Licht wurde gelöscht und sie begann zu reden. Und ich - zu frieren. Es war so kalt, ich zitterte am ganzen Körper. Merke - ich brauche dringend einen warmen Yoga-Pulli für die ruhigen Übungen! Die Dunkelheit und meine Erschöpfung, gepaart mit Kopfweh und Müdigkeit führten schließlich dazu, dass ich - richtig, einschlief. Nicht richtig, nicht fest, aber ich fühlte mich schon ein wenig... weggetreten. Die erste Stunde endete dann auch schon recht früh - nämlich nach einer Stunde ( ;) ) anstatt nach zwei.
Und wieder führte mich mein Weg danach in den Bookstore, zum dritten Mal am heutigen Tage. Wieso? Weil ich beschlossen hatte, mir einen SFSU-Pulli zuzulegen, wenn es denn meinen Wunschpulli in meiner Größe gab, denn ich brauchte ja nun eh einen Schlabberpulli für Yoga, warum nicht zwei Fliegen... und so weiter. Tja, meinen gabs aber nicht, also zog ich dann unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Wo ich mal wirklich Glück hatte, denn kaum hatte ich die Bushaltestelle betreten fuhr meiner auch schon ein. Das nennt man Timing! Ich fahre ja immer nach Hause, zur Uni hin laufe ich. Ich finde, das ist ein guter Kompromiss :)
Ich freute mich darauf, mich nach meinem ersten Unitag ein wenig auszuruhen, was zu essen und im Internet zu surfen. Tja, zu früh gefreut, denn mein Internet funktionierte nicht. Probleme mit der Verbindung, was weiß ich... ich hoffe, das passiert nicht öfter. Ich wollte nämlich auch unbedingt meine Mails checken und in meinen Uniaccount, um zu schauen, ob sich wegen irgendwelcher Kurse (mit ganz viel Glück ja vielleicht auch was mit dem Klavierunterricht?) irgendetwas getan hatte. Nach einer Stunde dann war mein Internet weniger zickig und ich konnte loslegen - ich war unnötig hibbelig gewesen. Es war alles beim alten.
Irgendwann hatte ich Lust, noch ein bisschen was zu essen, also ging ich in die Küche und machte mir Müsli (hach, ich genieße es, wirklich! Das ist eine der wenigen tollen Sachen hier, was das Essen angeht). E. war zufällig auch gerade da. Und sie fragte mich, ob am Montag ein Päckchen für eine S. gekommen war. Hm, ja, sagte ich. Ich hatte nicht gewusst, wer das war und hatte den UPS-Menschen nach oben zu unseren Vermietern geschickt. Vielleicht war das ja meine Vormieterin? Tja, dummerweise ist E. auch S. Hier in Kalifornien, erzählte sie mir nämlich, habe sie ihren Zweitnamen zu ihrem Rufnamen gemacht. Und die Vermieterin hatte den UPS-Menschen abgewiesen, genau wie ich. Und das Päckchen war jetzt ganz wo anders gelandet. Oh man... das war mir schon sehr unangenehm. Ich meine, ich kann das ja nicht wissen, aber es ist trotzdem meine Schuld. Ganz schön dumm gelaufen. Sie machte mir auch keine Vorwürfe - einfach, dass ich es für die Zukunft wisse. Mist. Warum passiert so was auch immer mir ;)
Wenigstens war unsere Unterhaltung danach ganz nett. Wir unterhielten uns sicher mindestens eine halbe Stunde, wenn nicht länger - über dies und jenes.
Um elf beschloss ich, ins Bett zu gehen - und gerade in dem Moment riefen meine Eltern an. Nach einem doch recht kurzem Telefonat verließ ich dann mein Zimmer in Richtung Bad, und stolperte wieder über E. Die mich fragte, ob ich das Erdbeben gespürt hatte. Äh, hä? Erd... was? Hier? Jetzt? Gerade? Ne. Ups.
Ich meine, ja, ich hatte mich irgendwie seltsam auf meinen Beinen gefühlt, aber eher so, wie wenn man müde ist (oder beschwipst... zumindest stelle ich mir das vor). Von einer sich bewegenden Erde hatte ich nichts mitbekommen, und selbst ersteres kam mir erst beim hinterher-darüber-nachdenken in den Sinn. Immerhin war es ein Beben der Stärke 3,6 gewesen. Und ich habs halt einfach mal so verpasst, mein erstes Beben hier in SF.
Schließlich fand ich meinen Weg aber doch noch ins Bett. Morgen musste ich schließlich früh raus, schon um 8 würde mein erster Kurs beginnen: Class Piano. Da hatte ich mich letzte Woche zur Not eingeschrieben, weil ich keinen Unterricht hatte. Eigentlich hatte ich keine Lust, da hinzugehen - an Gruppenunterricht zu 20t hatte ich kein wirkliches Interesse. Und außerdem - Montags und Mittwochs immer so früh aufstehen? Wha! ;) Aber A. hatte gemeint, ich solle zumindest ein Mal hingehen. Das sagte ich mir auch - ein Mal kann nicht schaden. Und außerdem würde die einzige verbliebene Klavierdozentin an der SFSU dieses Fach unterrichten. Sie mal kennenzulernen wäre vielleicht auch mal ganz gut.
Nachdem ich mein erstes Buch auf dem Kindle gestern Abend fertiggelesen hatte, hatte ich mir heute Band zwei gekauft, damit machte ich es mir dann im Bett bequem und las noch ein, zwei Seiten, bis meine Augen vor Müdigkeit schließlich zufielen.

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