Die Nacht war viel zu kurz. Eindeutig. Immerhin war sie nicht ganz so schlimm gewesen, trotz meines sehr improvisierten Kissens. Davon hat A. natürlich nur eines, also schlief ich auf meinem Luftkissen mit Handtüchern als Erhöhung. Morgens fiel mir dann auch der Grund dafür auf, warum es so seltsam hart gewesen war - dummerweise war das Kissen unten und die Handtücher oben gewesen, das hatte ich in dem Kissenbezug in der Nacht vor lauter Müdigkeit nicht bemerkt. Naja, das nächste Mal bin ich schlauer.
Noch verschlafen machten wir uns irgendwann nach dem quälendem Aufstehen auf den Weg in die Uni. Heute stand nicht viel auf dem Plan - allerdings das Wichtigste der ganzen Woche. Unsere Dokumente sollten überprüft werden, inklusive Krankenversicherung. Ich war sehr nervös, ob meine Versicherung zugelassen werden würde. Ich hatte keine Lust, noch was hinzuzubuchen, und auf den Stress noch gleich viel weniger. Glücklicherweise lief alles super. Meine Versicherung (Allianz) hatte ja das Blatt der Uni unterschrieben, das wurde anstandslos mit einem Lächeln akzeptiert. Juhu!
Es war jetzt erst halb elf, und der Tag lag quasi frei vor mir. Allerdings sollte ich, das war mir klar, endlich einmal üben, wenn ich denn bald wieder Klavierunterricht haben sollte. Nächste Woche könnte es schließlich schon so weit sein, und es wäre sehr peinlich, wenn ich nichts spielen würde können. Da ich aber keine Noten dabei hatte, schließlich war ich ja bei A. gewesen, musste ich noch heim und sie holen. Eine dreiviertelstunde später betrat ich den Campus aber schon wieder. Bevor ich mich ans üben machte wollte ich aber noch die Ernährungsberatung hier abchecken. Also lief ich ins Health Center, um mir einen Termin geben zu lassen, wenn möglich. Der nette Herr dort, ich glaube, es war einer der Ärzte, erklärte mir dann, dass die Ernährungsberatung zu den Dingen gehörte, die online ausgemacht werden müssten. Hm, okay. Also ab ins nächste Center, um mich an den PC zu setzen. Bis einer frei war musste ich etwas warten, dann aber konnte ich mich dran setzen. Der nächste freie Termin wäre sogar schon Montag gewesen - dummerweise habe ich Montags ziemlich viel Uni. Und dummerweise waren alle freien Termine nächste Woche am Montag. In der Woche drauf gab es immerhin noch die Auswahl zwischen Montag und Dienstag, also wählte ich einen Dienstagstermin aus. Anschließend musste ich noch einen Fragebogen ausfüllen, viele Fragen betrafen mein Gewicht und seine Schwankungen. Eindeutiges Zeichen, dass hier wohl meist Über- oder Untergewichtige diesen Dienst in Anspruch nehmen. Außerdem sollte ich noch ein wenig zu meiner Krankheitsvorgeschichte schreiben und einen normalen Essalltag beschreiben. Hm. Momentan halt etwas einseitig, mit Brot, Hühnchen und Reis, ne? Aber ich wollte ja ehrlich sein. Mal schauen, was sie dazu sagt ;)
Im Anschluss machte ich mich wirklich ans Üben. Die Übezimmer hier sind ziemlich klein, und in den meisten steht "nur" ein Klavier und kein Flügel. So schlecht finde ich die Klaviere aber gar nicht mal (zumindest das, auf dem ich gespielt habe), das Problem ist nur die Lautstärke. Es war einfach nur immens laut. Anfangs war es mir sogar gar nicht möglich, Lautstärken zu variieren oder musikalisch zu spielen, am Ende war es zumindest so, dass ich andeuten konnte, was ich machen wollte. Wirklich musikalisch arbeiten kann man hier aber meiner Meinung nach nicht. Immerhin besser als nichts! Ich stellte sogar fest, dass ich in den letzten... ähm... Wochen, in denen ich nicht geübt hatte, gar nicht allzu viel verlernt hatte. Sogar der Liszt ließ sich ohne viel mehr Fehler durchspielen als früher. Ich weiß, durchspielen ist nicht gerade die tolle Art zu üben, aber ich war einfach neugierig, wo ich stehe. Nach der halben Stunde erzählten mir meine Arme aber auch davon, was sie davon hielten, nach so einer langen Pause wieder durchpowern zu müssen. Und da mein Magen mir ähnliches erzählte (seine Pause war allerdings ein biiiizzeli kürzer gewesen, nur von heute Morgen) machte ich Schluss, um mal wieder zu essen. Mal wieder das gleiche. Juhu! Heute probierte ich es immerhin, mal nur ein Fructosin zu nehmen. Und die Beschwerden blieben aus. Das heißt, dass ich mein Mittagessen mit nur einer Kapsel essen kann, supi! Die eine werde ich aber wohl beibehalten, denn das bisschen Tomate am Reis könnte zum Abschuss schon reichen. Zumindest vorerst mal. Ich finde, ich war schon mutig genug.
Während A., mit der ich gegessen hatte, noch etwas wegen ihrer Versicherung klären musste, machte ich mal wieder ein gewisses Geschäft auf dem Campus unsicher. Diesmal in der Absicht, die vergessenen Batterien für meinen Wecker gestern zu besorgen (welche übrigens die falschen waren... ich bin manchmal echt ein bisschen doof). Dass mir dabei ein Shirt für 6 $ über den Weg lief... nun gut... ich hätte es ignorieren können. Aber... so stark ist meine Willenskraft momentan noch nicht, und wenn ich mich nicht mit Essen belohnen kann, dann wenigstens mit Shirts ;) Danach machte ich es mir bequem und las, und schon bald tauchte A. wieder auf.
Um Folgendes zu verstehen eine kurze Vorgeschichte: B. hat auch einmal an der SFSU unterrichtet. Dadurch kennt sie die letzte verbliebene Klavierprofessorin dort auch etwas und hat erreicht, dass A. bei ihr auf jeden Fall einen Platz bekommen hat. Auch wegen mir hat sie nun gestern nachgefragt und es folge ein kleiner Mailwechsel - den mir A. nun nach dem Essen zeigte. In der letzten Mail stand nämlich etwas, was etwas seltsam war. Die Professorin schrieb, dass ich angeblich Jazzorientiert sei und sie leider nur klassischen Unterricht gebe. Aha. Und dann schrieb sie danach, dass mir schon im Frühling mitgeteilt worden war, dass es für mich nur Jazzunterricht geben könne und keinen klassischen (korrekt, aber erst auf meine Anfrage) und mir auch gesagt worden war, dass die anderen Kurse, die ich ansonsten belegte, mich nicht für klassischen Klavierunterricht qualifizieren würden (nicht korrekt - also, dass mir das gesagt wurde). Ich meine - erstens wurde mir das eben nicht gesagt. Und zweitens - hä, wieso bitte nicht? Die Kurswahl im Mai war keineswegs eine fixierte. Die beruhte nämlich noch aus den Kursen, die wir Anfang Januar (!) angegeben hatten, völlig unverbindlich. Mag ja sein, dass ich da im Verhältnis zu wenig Musikkurse belegt hatte. Aber, ich bin einfach der Meinung, dass ich eine ausländische Studentin bin und daher keine Ahnung habe, dass ich irgendwelche Mindestkurse belegen muss. Und wenn mir das eben unterläuft, dann möchte ich doch daraufhingewiesen werden - und nicht Monate später erfahren, dass meine damalige, völlig andere Kurswahl als die heute, dazu geführt hat, dass ich als Jazzpianistin eingestuft wurde (obwohl auf meiner Bewerbungs-CD nur Klassik drauf war... hm. Wurde die jemals angehört?). Wie wäre es denn gewesen, mir das einfach zu sagen, so dass ich meine Wahl korrigieren kann? Ganz mies gelaufen, meiner Meinung nach. A.s Vermutung nach könnten sie auch von meinem Zweitstudium irritiert gewesen sein - allerdings hatte ich für mein Studium hier ja nur Klavier angegeben, denn es war ja klar, dass EMP schon abgeschlossen sein würde.
Mich packte ehrlich gesagt einerseits eine ziemliche Wut und andererseits eine Verzweiflung.
Ja, mir war klar gewesen, dass ich hier vermutlich keinen klassischen Unterricht kriegen würde. Bloß die Sache, WIE das jetzt aber anscheinend gelaufen ist, macht mich sauer. Noch viel wütender macht mich, dass meine Hochschule zu Hause mich völlig im Stich lässt. Es interessiert dort niemanden, ob ich hier Unterricht habe oder nicht. Keiner hilft mir. Kein bisschen Unterstützung kommt von dieser Seite, kein Nachfragen. Ich bin völlig alleingelassen. Sollte nicht eigentlich für eine Hochschule im Vordergrund stehen, dass ihre Studenten gut ausgebildet werden? Anscheinend interessiert sich unsere dafür nicht, zumindest nicht in meinem Fall. Wäre es anders würde man mir hier helfen. Aber es bleibt wohl wieder nur an einem selbst hängen, wieder mal eine nette Lektion fürs Leben. Und ich frage mich bis jetzt, was da eigentlich auch abgeht in der SFSU, genau das gleiche hier, warum man immer nur alles erfährt, wenn man selber nachfrägt. Hätte ich damals keine Mail geschrieben um nachzufragen, wäre mir das wohl erst hier eröffnet worden, schönen Dank auch. Und was haben sie denn von mir eigentlich erwartet? Dass ich nach allem Bewerbungsstress, Stipendium und der Flugbuchung im April im Mai (!) nach dem Mailkontakt plötzlich alles abblase, den Flug streiche und zu Hause bleibe, weil ich erfahre, dass ich doch keinen Unterricht kriege? Nochmals schönen Dank. Ich bin immer noch der Meinung - wer einen Studenten akzeptiert muss ihm auch den Platz anbieten können. Alles andere ist ver...äppelung, vor allem wenn jener Student die halbe Welt umfliegt dafür.
Seis drum.
Die Professorin konnte auch nichts dafür, das weiß ich, gegen sie empfinde ich auch nichts, sie tut mir eher Leid weil sie alles abbekommt. Nur leider weiß ich nicht, wer hier denn bitte das alles verzapft hat. Das würde ich gerne wissen... Die Dozentin schlug auch vor, dass ich mit meiner momentan eingeteilten Jazzlehrerin über alles reden sollte. Und obwohl meine Verzweiflung mich langsam übermannte dachte ich mir "jetzt oder nie" und suchte ihr Büro. Sie hatte noch eine Besprechung (bei offener Tür...), also wartete ich diskret um die Ecke. Als ihre Gäste gegangen war klopfte ich, setzte mich ihr gegenüber und beschrieb kurz, wer ich bin. Ihre erste Antwort: "Das müssen Sie mit der Klavierprofessorin klären, schade, sie ist gerade zur Tür heraus." (Also genau die, mit der B. Mailkontakt hatte.) Mist. Hätte ich das mal vorher gewusst. Aber - sie hatte mir ja eh gesagt, ich solle mit der Jazzdozentin reden, also sagte ich ihr das und das taten wir dann auch. Im Endeffekt kam dabei heraus, dass es wohl doch überhaupt nicht an meinen Voraussetzungen liegt, dass ich Jazz bekommen habe (woran aber sonst konnte sie mir auch nicht sagen), ich solle mir keine Sorgen deshalb machen, die Schuld liege nicht bei mir. Aha. Jetzt doch nicht? Irgendwie kann ich das bei der Informationspolitik nicht so recht glauben. Nicht, dass ich ihr unterstellen will, mir die Unwahrheit zu sagen, um Gottes Willen, sondern dass sie es schlichtweg vielleicht auch einfach nicht weiß.
Aber, und das ist das positive an der ganzen Sache - noch ist nichts verloren. Nächste Woche würde man sehen, wie viele Studenten die Klavierdozentin haben würde, vielleicht findet sich für mich noch ein Plätzchen. Ich solle abwarten.
Okay. Das werde ich dann auch mal tun. Das hindert mich aber nicht daran, mir Gedanken über die ganze bescheidene Situation und über die unbekannten Leute zu machen, die das alles verbockt haben. Mal ehrlich Leute, einfach mal ein bisschen Kontakt aufnehmen und vieles hätte nicht so ungeklärt bleiben müssen! Das meiste hier beruht doch wahrscheinlich nur auf Missverständnissen.
Als ich aus dem Büro lief war ich jedenfalls ziemlich fertig. Drinnen hatten mir schon die Tränen in den Augen gestanden - einfach, weil mir das ganze Theater mehr zu schaffen macht als viele vielleicht denken und auch, weil die Belastung, sich immer um alles selbst zu kümmern, langsam zu viel wird. Ich hätte gerne, dass öfters mal was so glatt läuft wie die Sache mit der Krankenversicherung (zumindest hier in den USA, in Deutschland war das ja auch eine Sache für sich ;) ). Ich hab bald keine Kraft mehr, immer um alles kämpfen zu müssen, immer überall doppelt nachzufragen und sich in Erinnerung zu rufen. Ich hoffe inständig, dass sich bald alles geklärt hat und ich hier einfach nur studieren kann. So wie zu Hause. Wäre das nicht toll?
Ich machte mich gleich auf den Weg in meine Wohnung. Zum Üben hatte ich jetzt definitiv keine Lust mehr - ich wollte einfach nur ausruhen, etwas essen - nicht denken sondern tun, was ich will. Genug von Sorgen und Gedanken. Freizeit. Ich sehne mich so sehr nach Freizeit, ein paar Tage, in denen ich faul sein kann. Und das wollte ich mir heute jetzt auch gönnen.
Zu Hause schmiss ich den Laptop an und erledigte so einiges an Zeug, was liegen geblieben war. Und verbrachte dann den ganzen Nachmittag damit. Irgendwann besuchte mich A., denn die Uni hatte während der Semesterferien jetzt schon früher geschlossen und bei ihr zu Hause ist ihr Internet nicht so gut. Also saßen wir gemeinsam auf meinem Bett, mit unserem Laptops auf dem Schoß und surften. Irgendwann musste sie aber nach Hause, und ich saß weiter auf meinem Bett und surfte ;). Und sah mit meine Serie an. Und - machte mir, als ich irgendwann Hunger bekam, Pitas mit Käse überbacken. Ich traute mich nicht, das ganze ohne Lactrase zu essen, aber ich genoss diesen tollen neuen Geschmack endlich. So macht Essen dann doch wieder ein bisschen Spaß :) (Zumindest, wenn alles verträglich bleibt.) Dieser Nachmittag hat, glaube ich, richtig gut getan. Ich bräuchte das eigentlich ein bisschen länger jetzt, aber immerhin dieser eine Nachmittag ist da gewesen. Das ist schon mal ein riesengroßer Fortschritt :) Morgen gehts vermutlich wieder los zum Einkaufen - ich will mir im Safeways mal richtig schön Zeit nehmen, und A. braucht Klamotten. Mal gucken, wie sehr das den Tag verbaut ;)
Ps.: "Heute habe ich leider kein Foto für dich" ;)
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