Aber von vorne. Mein "Tag" begann nämlich irgendwie ein bisschen schon gestern Abend/Nacht. Da wurde es nämlich schön Halloween-gruselig in meinem Zimmer. Es begann mit komischen Geräuschen, die ich bis heute nicht identifiziert habe. Wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben ;) Ein paar Minuten später hörte ich Musik. Zuerst dachte ich, sie käme aus E.s Zimmer, aber nein, das hörte sich anders an. Das war in MEINEM Zimmer. Ganz seltsam. Und unheimlich. Bis ich eine halbe Minute später kapierte, dass da seit mittags wohl mein MP3-Player lief. Ups. Da kann ich ihn ja fast wieder laden... Ich hörte das wohl erst jetzt weil das ein besonders lautes Lied war. Endlich lag ich dann wieder im Bett und las ein, zwei Seiten weiter, als der Super-GAU geschah - eine Spinne. Auf meinem Bett. Panik. Sie war nicht sonderlich groß, vielleicht ein Zentimeter Durchmesser, aber sie bewegte sich wahnsinnig schnell. Zu schnell für mich, um in meiner Panikreaktion mit dem geschlossenen Buch auf sie zu hauen. Normal kann ich Tiere ja nicht töten, aber ich war so erschrocken, dass ich da gar nicht daran dachte ;) Sie verschwand dann zwischen Matratze und Bett. Ich schnappte meine Taschenlampe und einen Schuh und ging auf die Suche. Meine Panik war immer noch groß genug nicht darüber nachzudenken, was ich tat, und irgendwann war ich halbwegs sicher, dass ich sie erwischt hatte. An Lesen war in dieser Nacht nicht mehr wirklich zu denken... und dabei ist Halloween doch erst morgen Nacht!
Dementsprechend müde war ich heute früh. Ich schaffte es trotzdem, ein bisschen früher loszugehen, um noch mein Kostüm ins Schließfach zu bringen, bevor ich zum Töpfern ging. Ich malte heute mein Projekt zu Ende und begann, Kleinigkeiten herzustellen. Vielleicht kann ich dann doch ein bisschen was mitnehmen... und falls nicht hab ich Zeug um es hier zu verschenken. Auch nicht so schlimm. Ton hab ich schließlich noch genug übrig dafür...
Nach dem Mittagessen gab es das traditionelle Halloweenkonzert meiner Klavierdozentin und einer ihrer Kolleginnen. Auch B. war zum Zuhören gekommen, und A. und ich freuten und wahnsinnig, sie endlich mal wiederzusehen. Das Konzert war eine tolle Mischung aus spukigen klassischen Stücken (z.B. der Mephisto-Walzer oder ein Stück namens "Banshee") und Gesangseinlagen von Studenten in Kostümen. Dabei sangen sie bekannte Stücke wie "Stille Nacht" oder "Midnight", die allerdings umgedichtet waren. Es war sooo witzig! Unglaublich. Den Abschluss machte der klassische "Monster Mash", bei dem alle möglichen Gestalten aus dem Publikum auf die Bühne strömten. Fantastisch.
Überhaupt, die meisten waren heute zwar nicht verkleidet, es gab aber genug, die es dennoch waren. Manche hatten auch einfach nur eine Kleinigkeit, wie zum Beispiel ein Haarreif mit Hasenohren oder so. Vollkommen verkleidet hingegen war einer aus meiner Theaterklasse - als "Joker". Nicht schlecht... Witzigerweise war heute auch jemand mit seinem Monolog dran, der den "Joker" performte (was ich seltsam finde, denn es hieß, wir sollten keine Filmmonologe/-szenen nehmen, aber da gibts ein paar, die das entweder gekonnt ignoriert haben oder es verschlafen haben...). Ich schlief fast ein, mal wieder, denn wirklich spannend war das nun nicht, auch wenn da teilweise wirklich phantastische Darbietungen dabei waren.
Wir hörten fünf Minuten früher auf, wofür ich endlos dankbar war - denn nun hatte ich 20 Minuten, um in mein Kostüm zu schlüpfen. Dazu gehört ja nicht nur, das Kleid anzuziehen, sondern auch Schmuck, Haare, Schuhe und so ein Zeug. Ich schaffte es dann aber tatsächlich gerade so, im Gospelchor aufzutauchen. In der letzten e-Mail hatte unser Dozent angekündigt, dass es keiner wagen sollte, wegen Halloween krank zu machen - aber wir würden natürlich alle im Kostüm in den Unterricht kommen. Na, dem komme ich doch mal nach ;) Alle waren es nicht, aber dennoch ein paar, vielleicht zwanzig Stück oder so. Ich fiel also nicht ganz so sehr auf, auch wenn mein Kostüm schon sehr auffallend war. Es war dennoch ein ganz, ganz merkwürdiges Gefühl. Übrigens konnte ich kaum atmen, denn um die Bauchgegend herum war das Kleid der Zeit entsprechend ganz schön eng geschnitten. Ja, dass die Ladys früher wegen Luftknappheit in Ohnmacht fielen kann ich voll nachvollziehen. Ich fragte mich, wie ich mit diesem eingequetschen Bauch singen sollte... Zumindest wurde mein mittlerweile hungriger Bauch so auch ein wenig bedrängt, so dass ich den Hunger kaum spürte. Olé.
Unser Dozent tauchte mit Maske und einer Hand mit seeeehr langen "Nägeln" bzw Messern oder was weiß ich auf, ich habe KEINE Ahnung von Horror-/Gruselfilmen, aber selbst mir kam das bekannt vor. Total blamabel jetzt vermutlich, dass ich nicht sagen konnte, wer oder was er war... Alle Kostümierten wurden zum Foto nach vorne gebeten und es musste geraten werden, wer was war. War meistens nicht wirklich schwer ;) Ein Mädel war ganz kreativ gewesen und hatte sich als Traubenbüschel verkleidet - ganz viele lila Luftballons an sich ge - klebt? Keine Ahnung ehrlich gesagt. Die Arme hatte, glaube ich, noch mehr Probleme wie ich mit dem Sitzen.
Es wurde mal wieder eeewig lang gequatscht, bevor wir mit dem Singen anfingen. Ganz ehrlich, das ist das Hauptproblem in diesem Chor. Anstatt mal ernsthaft zu arbeiten wird andauernd nur geredet und geredet, oft wiederholt, tausendmal gesagt, dass wir doch mehr arbeiten sollen zu Hause, anstatt in der STUNDE mal ernsthaft zu arbeiten. Organisatorisches wird ewig in die Länge gezogen. Das geht wirklich viel kürzer, wenn man will. Wha, das nervt mich wirklich. Irgendwann sangen wir dann wirklich, auch wenn ich mich zurücknahm. Denn wir singen uns immer kaum ein, und ich merke immer schon beim ersten Ton, dass ich Halsweh kriege. In den anderen Chören passiert mir das nie. Vielleicht ists auch psychisch... Wer weiß.
Auch wenn wir mal wieder überzogen, diesmal ging ich definitiv pünktlich raus. Schließlich sollte A. draußen auf mich warten, damit wir gemeinsam M. und seine zwei Freundinnen treffen konnten um dann zusammen zum "Trick or Treat"en zu fahren. A. war noch nicht da, also nutzte ich die Gelegenheit, mir schnell noch eine dicke Feinstrumpfhose unters Kostüm zu ziehen. Ich hatte schon drinnen ein bisschen gefroren, wie sollte das erst draußen werden...? Wir trafen M. draußen und erfuhren, dass seine Freundinnen nachkommen würden, die brauchten zu lange. Auch gut. Wir fuhren los (im Auto wars zum Glück warm, ganz im Gegensatz zu draußen) - und verfuhren uns gleich mal schön. Obwohl die Gegend, wo wir hinwollten, eigentlich ziemlich nah am Campus liegt. Ich war ganz schön aufgeregt, entgegen aller Erwartungen saß ich tatsächlich im Auto und war auf dem Weg! Hach, ich freute mich richtig. Das würde lustig werden! Irgendwann waren wir wieder auf dem richtigen Weg. Kurz vor dem Ziel sahen wir schon wahnsinnig viele Kinder mit ihren Eltern, unglaublich, wie viel da los war. Und unter anderem sahen wir ein Mädchen und einen Jungen, ungefähr sechs, sieben Jahre alt, verkleidet als - na? Richtig, Luke und Leia. Mei, waren die süß... und der Junge hatte sogar so eine richtige 70er-Jahre-Luke-Frisur. Aber ich glaube, die gehörte nicht zum Kostüm :D Wir brauchten eine Weile, bis wir einen Parkplatz gefunden hatten, man hatte das Gefühl, alle Kinder von San Francisco seien in "West Portal" unterwegs. Kein Wunder, die Gegend ist gut und wohlhabend - hier gibts viele Süßigkeiten ;) Bevor wir loszogen machten wir noch schnell ein paar Fotos von uns im Kostüm. Ich entschied mich nach fünf Minuten außerhalb vom Auto, entgegen meiner Absichten meinen schwarzen Blazer über mein cremefarbenes Prinzessinnen(!)kleid zu ziehen. Passt zwar nicht so gut, aber lieber das als wegen erfrierens krank zu werden.
Vor dem ersten Haus fühlte sich das alles komisch an. Ich war aufgeregt und freute mich wie ein kleines Kind... naja gut, nicht ganz so. Aber ich freute mich. ;) Wir ließen uns von M. einmal vormachen, wie das so geht (klopfen/klingeln, beim Öffnen "Trick or Treat" sagen, sich bedanken, unter Umständen auf Kommentare auf Kostüm oder ähnliches eingehen, und sich, wenn gewünscht, mit einem "Happy Halloween" verabschieden), bald waren wir aber völlig drin in der Sache. Wir lernten auch, an welchen Häusern man klingeln darf und an welchen nicht, es ist auch in Amerika so, dass nicht alle Leute bei dem Spektakel mitmachen. Wer ein dekoriertes Haus hat und bei wem das Licht leuchtet, bei dem darf geklingelt werden. Undekorierte und/oder dunkle Häuser überspringt man. Das ist eine Regel an die sich jeder hält, jeder weiß, wie es funktioniert - und deshalb wird auch niemand genervt. Ich glaube, wenn sich das in Deutschland mal durchsetzen würde dann würde dieses Fest auch besser akzeptiert werden. Denn momentan ists ja, zumindest meiner Erfahrung nach, so, dass überall geklingelt wird; die Kinder frustriert sind, wenn sie bei der Hälfte der Häuser nichts kriegen, und die Leute bei denen geklingelt wird wegen der Kinder genervt sind und nächstes Jahr erst Recht nichts besorgen. Und hinterher auf Halloween schimpfen. Ging mir nicht anders, wenn ich ehrlich bin. Hier aber habe ich mal die andere Seite erlebt. Gesehen, wie viel Spaß das den Kindern und auch den Erwachsenen an der Tür macht. Und auch, wie viel Spaß es mir machte, mir Gedanken um ein Kostüm zu machen und dann damit loszuziehen. Sicher, ich bin etwas alt dafür, aber wenn ich mir vorstelle, das früher so mit 7, 8 Jahren gemacht zu haben... ich hätte sicher meine Freude daran gehabt.
Wenn sich gewisse Regeln mal in Deutschland durchsetzen werden kann ich mir also gut vorstellen, dass sich das allgemeine Klima gegenüber diesem Fest doch wandelt. Ich fände es jetzt, nach dieser Erfahrung, ehrlich gesagt auch schön. Denn das Fest ist nichts anderes als ein bisschen Freude für Kinder, unreligiös, unpolitisch, ungezwungen. Einfach Spaß. Und dass man "Danke" sagt lernt man so auch ziemlich schnell ;)
Manche Kinder hatten unglaublich süße Kostüme an, das war zum knuddeln. Und auch wie sie da rumrannten und sich freuten... einfach nur putzig und lieb.
Ich fror mittlerweile ganz schön und war superdankbar für meine Strumpfhose und den Blazer. Ohne die wäre ich wohl erfroren... Wie sagte eine Frau so schön, als sie uns die Türe öffnete? "Du hast aber eine ganz schön rote Nase!". Na toll. Jetzt denken die noch, dass ich eine Schnapsdrossel sei :D Auch wenn wir viel zu alt für diese Sache waren, die meisten ignorierten das. Manche lächelten ob unserer Größe und unseres Alters zwischen den ganzen Kindern, aber das war okay. Nur ein einziger Mann meinte eiskalt, wir seien zu alt für diese Sache. Wir erklärten ihm, dass wir aus Deutschland seien und das zum ersten Mal in unserem Leben machten - juckte ihn nicht wirklich. Wir bekamen zwar unsere Süßigkeiten, aber das Ganze hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Er war nicht wirklich höflich gewesen. Das blieb aber die einzige schlechte Erfahrung am ganzen Abend, alle anderen waren sehr nett und lustig. Manche schauten nur leicht irritiert, wenn ich da in meinem superkitschigen Mädchenhaften Prinzessinenoutfit daher kam - und in meiner Hand ein Vaderhelmeimer baumelte. Tolle Kombination :D Manchmal waren allerdings sogar schon die Süßigkeiten leer, als wir ankamen. Wir hatten zu viel Zeit auf der Suche nach dem Viertel und dem Parkplatz verbracht ;) Viele Häuser hatten echt tolle und liebevolle Dekorationen, wir hatten natürlich keinen Fotoapparat dabei, das wäre zu viel des Guten gewesen. Man kann ja nicht das ganze Leben durch die Linse betrachten.
Irgendwann machten wir uns auf den Weg Richtung Auto und klapperten noch ein paar letzte Häuser ab. Wir hatten bisher an keinem der Häuser doppelt geklingelt, beim allerletzten Haus aber passierte uns das dann aber doch noch. Peinlich peinlich... wir entschuldigten uns aber sofort, kann ja mal passieren :D
Im Auto dann genoss ich die Wärme und das Gefühl, welches langsam wieder in meine Finger zurückkehrte. Keine Ahnung wie ich es geschafft hatte, überhaupt noch meinen Eimer zu halten. Jetzt aber wurde es langsam wohlig warm. Wir fuhren nach Daly City, wo wir in einem Diner auf M.s Freuninnen und noch weitere Freunde treffen sollten. Die beiden hatten, als wir unterwegs waren, angerufen und mit M. ausgemacht, dass sie bei sich in der Gegend herumlaufen würden. Es lohnte sich nicht mehr, noch rauszufahren. Jetzt aber trafen wir sie und aßen zu Abend - mittlerweile war es halb zehn und A. und ich waren todmüde. Halloween ist ja aber nicht alle Abende... Ich bestellte mir meine Lieblingskombi, wenn ich in einem neuen Restaurant bin - frittiertes Hühnchen mit Pommes. Funktioniert eigentlich meistens... Am Tisch aber schlief ich fast ein, so müde war ich. Teils hatte ich wirkliche Probleme, der englischen Unterhaltung zu folgen. Wir aßen gemütlich, das Essen war nicht schlecht. Gegen halb elf, elf fuhr M. A. und mich dann nach Hause, morgen war schließlich Uni! Zum Glück war morgen Dienstag, da habe ich ja ein wenig später Uni und würde etwas ausschlafen können. Nicht viel, aber ausreichend. Hoffentlich.
Der Abend war wirklich schön gewesen, und ich werde das Ganze in guter Erinnerung behalten. Und Halloween jetzt wirklich aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Und wenn ich irgendwann mal in einer Gegend wohnen werde, in der an diesem bestimmten Abend verkleidete Kinder klingeln werden, tja, dann werde ich hoffentlich vorbereitet sein und ihnen aus meinem original-amerikanischen Halloween-Vader-Eimer Süßigkeiten anbieten können. Irgendwie freue ich mich jetzt da drauf.

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