Dienstag, 29. November 2011

Tag 113 (28.11.)

Der gestrige Abend endete noch mit einem Schocker. Ich lag schon brav lesend im Bett, als mein Blick von etwas anderem abgelenkt wurde. Nun bin ich ja durch die Ameisen-Geschichte ziemlich geschädigt und reagiere bei der kleinsten Bewegung - sei es ein Staubkorn, eine Lichtreflexion oder ein Fussel. In 99 % aller Fälle ist da nichts, und ich bin mal wieder von meiner Schreckhaftigkeit angenervt. Gestern aber - krabbelte eine Ameise auf meinem Buch herum. Während ich las. Das nennt man mal Dreistigkeit! Diese musste die gute leider mit ihrem Leben bezahlen, auch wenn es mir immer noch weh tut... aber ich mag mein Zimmer einfach für mich alleine und nicht mit hunderten anderen Lebewesen teilen. Zumindest nicht, so lange ich es weiß. Ich durchforstete mein ganzes Zimmer, was sich auf Grund des minimalen Chaos etwas schwierig herausstellte. Ich konnte aber keine weitere Seele entdecken und schlief dann irgendwann zwischen Beunruhigung und Ruhe ein.
Heute aber war wieder Uni, nach einer Woche Pause. Man glaubt gar nicht, wie schnell man sich an diese Pause gewöhnt. Der einzige Trost ist, dass es nur noch 15 Tage sind. Was gleichzeitig aber auch sehr traurig macht, schließlich habe ich nur ein Semester hier... dieses zwiegespaltene Gefühl ist echt eine miese Sache!
Im Töpfern heute konnte ich mein Projekt frisch aus dem Ofen bewundern. Bewundern passt hier aber vermutlich eher weniger, denn es kam ganz und gar nicht wie erwartet heraus. Das weiß war braun, und zu den schon vor dem zweiten Brennvorgang vorhandenen Rissen waren noch ein, zwei hinzugekommen. Ich hatte jetzt die Wahl - so lassen oder mit weiß noch einmal übermalen und hoffen, dass es nicht vollends reißt. Ich wählte Letzteres und hoffe einfach mal das Beste. Drückt mir die Daumen!
Außerdem bemalte ich mein letztes Teil und versuchte, meine beiden Stücke vom Raku vom Schmutz zu befreien. Das war wirklich nicht einfach, wenn es auch mit Sandpapier wesentlich einfacher war als mit den bloßen Händen. An manchen Stellen geht der Schmutz aber einfach nicht ab - naja. Damit werde ich wohl leben müssen. Sieht aber auf jeden Fall schon mal viel besser aus als vorher!
Nach dem Mittagessen (wie habe ich mein eintöniges immer gleiches Mittagessen doch vermisst - Achtung, Sarkasmus) ging ich in die Eingangshalle des Studentenzentrums (gleich nebenan ist die Mensa...). Dort waren nämlich heute, keine Ahnung wieso, jede Menge Verkaufsstände aufgebaut. Hauptsächlich gabs da traditionalle Produkte zu kaufen, Ponchos, Mützen, Schmuck. Ich weiß nicht, wieso die da waren, aber ich fands toll, denn ich brauche langsam eine neue Mütze. Eine warme Mütze. Die auch meine Ohren schützt, wenn ich jetzt dann bald auf meinen Mantel umsteige. Ich hatte schon am Black Friday danach Ausschau gehalten, aber keine passende gefunden. Hier jetzt aber fand ich eine. Sie ist mir zwar etwas zu groß, aber - irgendwie sind mir, trotz meines Dickkopfes, irgendwie immer fast alle Mützen zu groß. Bin ich also schon gewöhnt. Wenigstens ist sie richtig schön warm, und darauf kommt es an. Ich war kurz davor sie in schwarz-weiß zu kaufen, entschied mich dann am Ende dann aber doch für dunkelgrün-dunkelgelb. Keine Ahnung wieso, aber die passte irgendwie besser zu meinem rot-gelben Schal. Hört sich seltsam an, ist aber so. Oder ich habe mal wieder Geschmacksverirrungen, das ist auch gut möglich...
Um eins setzte ich mich in das dritte und letzte Klavierkonzert unserer Klavierklasse. Irgendwie fand ichs dieses Mal nicht so toll, es riss mich vieles nicht vom Hocker. Naja. Irgendwie zeigt das doch auch, dass ich Fortschritte mache und nicht mehr von allem und jedem absolut begeistert und beeindruckt bin und mich wie der kleine schlechte Pianist von nebenan fühle. Klingt jetzt vielleicht ein bisschen doof. Hm. Aber in diese Richtung sollte ich jetzt, vor meinem Abschluss, doch auch mal langsam gehen.
Im Anschluss ging ich zu meinem Theaterunterricht. Ich hatte ja fest vorgehabt, heute meinen Monolog zu sprechen, um es hinter mir zu haben. Aber ja, die Heinzelmännchen blieben leider aus, also war das Ding immer noch nicht perfekt in meinem Kopf. Irgendwie vergaß unser Dozent, glaube ich, dass er gesagt hatte, dass wir pflichtmäßig erst am Mittwoch antreten müssen... aber egal, denn außer vier mutigen/fleißigen MitstreiterInnen war noch niemand fertig. Auch gut! Daher machten wir mal wieder früher Schluss. Verstehe ich irgendwie nicht ganz, man könnte die Zeit ja für Übungen oder so nutzen, aber okay... Ja, er sagt uns, dass wir in dieser Zeit mit unseren Partnern üben sollen. Aber mal ehrlich, das macht doch kaum jemand. Und vor allem nicht eineinhalb Stunden. Mein Partner und ich spielten jeweils einmal unseren Monolog vor und gaben uns dann Tips - das wars. Viel mehr konnten wir gar nicht tun...
Ich freute mich dann darüber, es mir im Computerraum gemütlich zu machen. Ist doch auch mal ganz nett. Ein bisschen gute Energie tanken, bevor es aufgeht zum wöchentlichen Ich-reiße-mich-zusammen-und-schreie-niemanden-an-Unterricht: Gospelchor.
Und ja, es war wieder einmal eine Katastrophe. Ich fasse mich kurz. Oder versuche es zumindest. Es begann damit, dass ich von meiner Kommilitonin erfuhr, dass wir Sonntag Abend ein Konzert haben würden. Diesen Sonntag Abend. In Oakland. Wer sich nicht erinnert: Oakland liegt nördlich von San Francisco, da, wo ich beim Herr der Ringe Konzert war. Da, wo man mir von abgeraten hat, alleine hinzufahren. Was ich dann, als ich dort war, auch verstanden habe. Und das Abends? Ne, danke. Außerdem habe ich da einfach besseres zu tun - und sei es nur, entspannen. Im Stundenplan stehen zwei Pflicht-Konzerte, an denen ich auch gedenke, teil zu nehmen, ich erfülle meine Pflichten. Aber nicht mehr. Da reicht mir das von letztem Male... Woher meine Kommilitonin das überhaupt wusste? Wir hatten eine e-Mail bekommen. Ich mal wieder nicht. Ich habe keine Ahnung woran das liegt, das ist jetzt schon das zweite Mal - alle anderen kommen aber immer an. Auch die vom Gospelchor. Und ich hab sie wirklich nicht bekommen, ich schwöre... Ich beschloss, abzusagen. Egal aus welchem Grund. Um nicht völlig zu lügen beschloss ich nach den zwei Stunden Unterricht auf die Halbwahrheit zu setzen - ich hätte schon einen Ausflug geplant. Stimmt auch irgendwie. Ich wollte Sonntag mal zum Weihnachtsmarkt, den es hier angeblich geben soll. Und der ist schon ein Stückchen weg. Ist fast ein Ausflug...
Der restliche Unterricht verlief - naja. Wie immer. Vorwürfe, keine Entschuldigungen bei Fehlern des Dozenten, falsche Ansagen. Ich bin von klein auf erzogen worden, immer das zu tun, was der Dirigent macht, und wenn er was völlig falsches macht. Egal. Man folgt dem Dirigenten, sonst gibt es ein einziges Chaos. Sogar unser Chorleiter hier hat das immer wieder gesagt... ich gebe zu, ich habe die Songs nicht so gut gelernt wie ich hätte sollen. Aber ich weiß auch, dass ich mich auf meine Reaktionen und meinen Instinkt verlassen kann. Wenn dann der Dirigent nicht weiß, was er tut und ich ihm blind folge ist das in meinen Augen (ha, ha) nicht mein Problem. Ich habe immer exakt das getan, was er dirigiert hat. Eigentlich sollte man dafür Lob bekommen und keinen Generalanschiss...
Seis drum. Noch eine Probe vor dem Konzert, dann das Konzert selber (auf dass ich mich, trotz allem, versuche zu freuen, vielleicht wird das Konzert selbst ja wenigstens nicht so schlecht?) und dann unter Umständen danach noch eine Probe. Keine Ahnung, ob der Unterricht da stattfinden wird, macht ja nicht so viel Sinn. Ich vermute aber stark, dass da was sein wird. Kann mir aber egal sein - wenn ich absolut keine Lust habe gehe ich einfach nicht hin und schwänze damit meinen ersten Unterricht hier in San Francisco. Und auch meine allerletzte Unistunde. Denn mit dem Montagabend endet mein Semester. Ich hab ja noch kein einziges Mal gefehlt, von dem her könnte ich mir das leisten. Und eine eins kriege ich vermutlich ohnehin nicht, also was soll's.
Ich redete nach dem Chor also mit ihm, gemeinsam mit meiner Kommilitonin. Und jetzt muss ich was zugeben: Er reagierte ganz anders, als ich erwartet hatte, nämlich verständnisvoll. Okay, ich wäre beim letzten Konzert dagewesen, und ich habe die Mail ja so spät bekommen - seinetwegen ists in Ordnung, wenn ich nicht komme. Ganz einfach. Ohne Stress. Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Auch meine Kommilitonin hatte kaum Probleme, und das, obwohl sie schon die erlaubten zwei Male in den Proben gefehlt hat. Sie sagte ihm irgendwas von einem anderen Konzert (war glaube ich auch die halbe Wahrheit, nur ich glaube, sie MUSS da nicht unbedingt hin) und fragte, ob sie dann durch den Kurs fallen würde. Er meinte, sie solle sich darum keine Gedanken machen, das sei in Ordnung, sie solls nur nicht weitererzählen. DAS nenne ich mal menschlich. Und nett. Und sowieso. Und es bestätigt sich, was ich die ganze Zeit von diesem Herrn denke: Er ist grundsätzlich ein ganz anständiger Typ, vermutlich sogar ein richtig Netter. Aber: Er kann nicht unterrichten. Und er hat wahnsinnige Angst, unseren Respekt zu verlieren. Den er bei mir aber dadurch schon längst verloren hat. Sehr blöd das Ganze, aber man kann ja nichts dran machen.
Ich machte danach noch meinen traditionellen Montags-Milch-Brot-Wasser-Einkauf und fuhr nach Hause. Da wartete dann tatsächlich ein Brief von meiner anderen Oma auf mich. Unabhängig voneinander hatten beide meine Omas bei meiner Mama fast gleichzeitig um meine Adresse gebeten - ich hab einfach tolle Omas :) Der Brief war total lieb, und bei lagen auch noch 24 nummerierte Aufkleber. Hm, mal schauen was ich damit mache. Vielleicht alle auf ein Tonkartonstück kleben, nach und nach... mal sehen.
Der Tag endete dann wieder mit einem Schocker, womit ich meinen Eintrag dann, passend zum Anfang, schließen werde. Na? Ihr wissts schon? Richtig - Ameisen. Ich meine, ja, sie waren nie wirklich weg, denn im Bad rund um die Badewanne krochen sie immer wieder herum. Da stören sie mich aber nicht ganz so sehr als wenn sie in der Küche oder meinem Zimmer sind. Nur im Bad, damit könnte ich leben. Dummerweise sie aber nicht. E. klopfte irgendwann abends bei mir an und informierte mich, dass sie soeben wieder ind er Küche eine ganze Menge Ameisen entdeckt und gesprüht hatte. Glücklicherweise nicht bei unserem Essen sondern nur auf dem Boden... aber das ist doch um einiges näher sowohl an meinen Lebensmitteln als auch an meinem Zimmer als das Bad. Hmpf. Na toll. Das hat mir gerade noch gefehlt.

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