Sonntag, 13. November 2011

Tag 98 (13.11.)

Ach ja. Was ich gestern noch vergessen habe zu erwähnen: in der Kirche hat diesmal ein Organist an einer Orgel gespielt, nichts mit Flügel. Hm. Ob das nur Samstags so ist? Jedenfalls war es schön, mal wieder eine Orgel zu hören!
Heute stand ich "früh" auf, früh in der Relation zu normalerweise, wenn ich Sonntags denn frei hätte. Pünktlich um elf ging ich aus dem Haus zu unserem ersten Gospelchorkonzert dieses Semester. Nein, große Lust hatte ich nicht, aber was sein muss muss sein! Und wer weiß, vielleicht würde es ja noch ganz interessant werden? Außerdem war heute ein schöner Tag, und ich dachte mir, wenn ich mit dem Konzert fertig wäre hätte ich vielleicht noch genug Zeit, um endlich zur Lombard Street zu fahren, wenn ich eh schon um die Ecke bin... Allerdings hatte ich keine Ahnung, was mich heute erwarten würde. In beiderlei Hinsicht - einerseits wusste ich es wirklich nicht, niemand wusste, wo genau wir heute wie und vor allem was singen würden (was ich sehr seltsam finde, dass man uns da nicht informiert...). Andererseits wusste ich auch noch nicht, was das für ein Tag werden würde. Oh je. Zum Glück. Sonst wäre ich wohl zu Hause geblieben...
Aber zurück zum Anfang. Pünktlich war ich dann dementsprechend auch am Treffpunkt, einer Kirche und traf auf ein paar andere Chormitglieder. Die Kirche sollte angeblich christlich sein, war aber trotzdem irgendwie komisch. Die Betonung in vielen Dingen lag hier darauf, dass jeder akzeptiert wird - egal ob schwul, lesbisch, bi, transsexuell oder wie auch immer. An sich finde ich das eine sehr gute Sache, aber... es lag eine sehr komische Atmosphäre im Raum.
Drinnen warteten und warteten wir. Es war uns gesagt worden, dass wir um 12:15 da sein sollten, keinesfalls zu spät. Wer nur eine Minute zu spät kommen würde würde keine Anwesenheit für heute kriegen. Also hieß es, seid lieber schon um 12 da. Was die meisten auch waren. Bis - auf unseren Chorleiter. Richtig gelesen. Wir standen rum wie bestellt und nicht abgeholt (was ja irgendwie auch zutraf) - völlig sinnlos. Zwanzig Minuten später tauchte er dann auf, ohne Entschuldigung oder Erklärung. Ganz toll. Und schon ging los - Soundcheck. Irgendein uns unbekannter Typ begleitete uns auf einer komischen elektrischen Orgel, wir sangen uneingesungen und erfuhren erstmals, welche zwei Songs wir heute singen würden. Ja, alles sehr unkoordiniert und chaotisch. Ach ja, es war übrigens eine Messe zum 20jährigen Jubiläum der Kirche. Gut zu wissen. Während wir warteten, wieder in den Hauptraum zurückzukehren, unterhielten S. und eine weitere Studentin uns über das ganze Spektakel. Wie gut zu sehen, dass auch andere amerikanische Studenten das alles nicht gut finden. Wir waren schon ziemlich angenervt von dem Theater - obgleich da noch viel mehr kommen sollte. Ich finde die Studentin ziemlich nett, ich glaube, wir passen gut zusammen. Dumm nur, dass nur noch drei Wochen Uni übrigbleiben. Schade, aber vielleicht sieht man sich ja trotzdem mal...
Zum Anwesenheitscheck blieb, warum auch immer, keine Zeit. Wir wurden informiert, dass selbst zu erledigen und uns bei einer Studentin deshalb zu melden. Gegen Ende der Messe hatte ich dann auch rausgefunden, wer das war ;)
Um kurz nach eins betraten wir wieder den Kirchenraum. Das Gebäude war übrigens keines, das nach einer Kirche aussah sondern ein relativ normales Haus, dementsprechend war das auch ein relativ normaler, großer Saal. Während wir den Saal betraten und uns auf unsere reservierten Plätze setzten (ein paar von uns hatten das Vergnügen, auf der Bühne Platz nehmen zu dürfen) spielte schon eine Trommelgruppe. Die klangen nicht schlecht, aber nach 10 Minuten wars irgendwie mal genug. Gefühlt zumindest, sie spielten noch eine Weile weiter. Der Gottesdienst begann in einer mir unbekannten Sprache - ich dachte mir schon, das kann ja heiter werden. Aber zum Glück folgte danach immer wieder die englische Übersetzung, und nach ein paar Minuten wurde der Gottesdienst auch weiter auf englisch gehalten. Puh.
Hatte ich vorher noch erleichtert aufgeatmet nicht zu den armen Leuten auf der Bühne zu gehören holte mich jetzt das Schicksal ein - die Kirche brauchte unsere Stühle, ein paar mussten noch zu den anderen hoch. Unter anderem ich. Na wunderbar. Da oben konnte einen jeder beobachten, ich kam mir vor wie auf dem Präsentierteller. Und die Zeit verging. Und verging. Ich bekam mittlerweile ziemlichen Hunger, kein Wunder, ich hatte ja nur Frühstück gehabt, und das vor elf. Mittlerweile war es schon nach zwei. Und auf der Bühne in einer Kirche, egal ob ein Saal oder eine gothische Kirche, kommt es ziemlich schlecht, sein Pausenbrot auszupacken. Wir warteten weiter. Ich trank mittlerweile viel, um so meinen Hunger zu unterdrücken. Um zwanzig nach drei schließlich durften wir singen. Zwanzig nach drei. Man ließ und fast zweieinhalb Stunden warten. Tatsache. In einer religiösen Umgebung. Ich bin religiös, aber das war mir zu viel. Ich bin einen solchen Gottesdienst nicht gewöhnt, er war sehr intensiv und es wurde von Sachen geredet, die nicht mein Ding sind. Ich hab gegen so was auch gar nicht unbedingt was, jeder soll glauben, was er will. Es war nur die Dauer, die mich wahnsinnig aufregte. Fast zweieinhalb Stunden - ihr wisst gar nicht, wie lange so eine Zeit sein kann! Und ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass das so ganz rechtens ist. Ich frage mich, warum wir nicht einfach für unseren Auftritt in den Saal kommen konnten, so wie eine andere Gruppe Teenager auch. Hinzu kam die Lautstärke. Es war so laut! Ich weiß, ich bin relativ empfindlich, aber ich ertrage es einfach nicht, zweieinhalb Stunden Gesang, Geschrei und ein immens lautes Schlagzeug zu hören. Aber ja. Der Höhepunkt der Story ist immer noch nicht erreicht...
Wie gesagt, zwanzig nach drei begann unser Auftritt. Das Schlagzeug begleitete uns, auch wenn wir vorher nie damit geübt hatten - an sich ja kein Problem, hätte es nicht bei einem Song andauernd die eins auf die zwei gespielt. Leicht verwirrend.
Das Hauptproblem hier war aber die Lautstärke. Also.
Wir haben einen Chor von ungefähr 65 Mitgliedern, die aus voller Kehle schreien singen.
Dazu eine elektronische Orgel.
Dazu ein Saal voller johlender, klatschender, schellenkranzspielender und schreiender Gemeindemitglieder.
Und obendrauf, doppelt so laut wie alles andere (!) - das Schlagzeug.
Das war der Moment wo ich dachte, mir platzt das Trommelfell. Ohne Witz. Und sobald wir eine kurze Singpause hatten setzte ich mich hin und hielt mir mit aller Kraft die Ohren zu, denn das war nicht auszuhalten. Ich habe keine Ahnung, wie die anderen das gemacht haben, ich hatte schon Tränen in den Augen vor Schmerzen, und das ist mir echt noch nie passiert.
Zwischendurch tanzten die Gemeindemitglieder als wären sie auf Drogen - was sie allerhöchstwahrscheinlich nicht waren, das nur als Verdeutlichung wie es da zuging. Es war alles wahnsinnig intensiv, und ich glaube, manche Leute brauchen das. Für mich war es aber zu viel, viel zu viel. Ich ertrug diese Atmosphäre nicht.
Nach unserem Beitrag sollte nur noch eine kurze Rede gehalten werden. Pustekuchen. Um kurz nach vier entschied ich mich, den Saal zu verlassen und zu gehen. Drei Stunden Messe sind genug, vor allem hatte ich das Gefühl, jeden Moment loszuschreien wegen dieser seltsamen intensiven Atmosphäre. Also entschied ich mich für den weniger peinlichen Weg - Kirche verlassen und gehen. Einfach so.
Die Studentin, die ich kennengelernt hatte, verließ die Kirche zusammen mit mir, und hinterher kotzten wir uns erst einmal so richtig über das aus, was da heute geschehen war. Nein, da ging einiges nicht mit rechten Dingen zu. Gerade hier in den USA habe ich das Gefühl, das besonders darauf geachtet wird, niemandem Religion aufzuzwingen (ganz im Gegenteil wie zum Beispiel in den Schulen in Deutschland mit dem Reli-Unterricht). Da scheint es doch ein bisschen konfus, uns dann drei Stunden in einer Kirche "festzuhalten".
Aber zum Glück war das Ganze jetzt vorbei! Und ich am Verhungern. Ich hatte es vermeiden wollen, aber mein Magen verlangte jetzt nach mehr als dem bisschen Brot, was ich dabei hatte. Also musste mal wieder Fast Food herhalten. Um zur Lombard Street zu fahren war es natürlich auch schon viel zu spät, die Sonne würde bald untergegangen sein.
Also beschloss ich, doch zumindest noch ein bisschen Weihnachtszeug im Wallgreens einzukaufen, bevor ich mich auf den Heimweg machen würde. Ein bisschen was kaufte ich auch tatsächlich, wobei ich natürlich nicht viel Geld ausgeben will. Aber ein bisschen Deko brauchts einfach :) Besonders viel Auswahl gabs da jetzt allerdings nicht, fand ich. In Deutschland wird man mit Weihnachtszeug doch wesentlich mehr erschlagen, besonders zwei Wochen vor dem ersten Advent... Auf dem Weg nach Hause kaufte ich noch Lebensmittel ein um mich dann in einer völlig stickigen Bahn heimbringen zu lassen. Oh je. Da gabs wirklich so gut wie keinen Sauerstoff mehr, und ich war heilfroh, als ich endlich aussteigen konnte.
Zu Hause ruhte ich mich erst einmal nur aus. Der Tag war sowohl psychisch als auch körperlich anstrengend gewesen, meine ganze schöne Erholung von gestern und vorgestern war schon wieder fast dahin. Super. Und einen Monolog hatte ich immer noch nicht... Am Ende entschied ich mich dann einfach für einen, mit dem ich mich arrangieren kann, auch wenn ich von dem Stück noch nie was gehört habe und es im Internet, obwohl alt, auch nicht finden kann. Auch die Bücherei hats nur als Präsenzbestand, da werde ich wohl mal hinfahren müssen um da durchzuschauen. Ganz ohne Hintergrund ist das natürlich nicht möglich, den Monolog zu sprechen. Ein Monolog von "Adah" aus "Cain" von Lord Byron ists jetzt geworden, etwas über Mutterliebe - ich denke, das passt doch ganz gut ;) Und für Deutschland werde ich dann einfach einen anderen nehmen müssen, punkt. Ist halt so, da kann man nichts machen!

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