Montag, 17. Oktober 2011

Tag 69 (15.10.)

Wuha. Morgens wars nicht wirklich wärmer als Abends, als ich mich so gegen neun aus dem Bett quälte. A. und T. waren schon aufgestanten und machten sich eben fertig um sich einen Kaffee zu holen und nach einer Wanderkarte zu fragen, ich hingegen begann den Morgen gemütlich mit Stichwortliste schreiben, Buch lesen und fotografieren. Außerdem würde E. einen ganz schönen Schreck kriegen, wenn sie aufstehen würde und alle anderen außer ihr wären weg! Die Nacht war nicht sonderlich gut gewesen, andauernd aufgewacht (hey, ich bin ein Stadtkind...), kalt, und außerdem hatte ich mich so gut wie gar nicht bewegt, aus Angst, die anderen mit dem Rascheln der Decke und allem aufzuwecken, aus dem Bett zu fallen oder A. zu sehr zu nerven, die neben mir lag. Als ich meine Augen draußen dann halbwegs öffnen konnte machte ich eine Entdeckung - da sind ja Berge um uns herum! Die hatten wir gestern Abend in der Dunkelheit gar nicht mehr gesehen. Wahnsinnig hoch waren die - und dabei waren wir doch eigentlich schon irgendwo oben... Das kann man sich irgendwie gar nicht vorstellen, wenn mans nicht gesehen hat. War total seltsam.
Bevor T. und A. aufgebrochen waren hatte T., der schon seit sechs Uhr auf war, uns noch erzählt, dass hier die ganze Zeit Eichhörnchen herumgehüpft waren. Aber nicht die, die wir aus Deutschland kennen, die sahen ein bisschen anders aus. Die hatten überhaupt keine Scheu und hüpften auf unserem Tisch herum! Ui, das wollte ich auch sehen. Während ich darauf wartete, dass A. und T. zurückkamen sah ich auch tatsächlich ein Eichhörnchen, das sich immer mal wieder näherte. Süß!!! Ich machte es mir zwischendurch auf einem Stein in der Sonne bequem um etwas Wärme zu tanken, aber irgendwie half das nichts. Da verkroch ich mich lieber wieder unter dem Dach... Als die beiden zurück waren wurde gefrühstückt, und mittlerweile war auch E. aufgestanden. Immer wieder kamen Eichhörnchen, besonders eines tauchte oft auf. Das wurde dann "Gimpy" getauft und zu unserem Hauseichhörnchen ernannt. Es hatte außerdem einen verletzten Fuß, das arme... im Gegensatz zu Gimpy gab es dann auch ein Eichhörnchen, das doppelt so groß war. Quasi Kreuzungen aus Bieber und Eichhörnchen, wie wir vermuteten. Oder einfach wahnsinnig fett. Ob das noch auf Bäume klettern kann... Irgendwie wurde ich nicht wirklich satt von meinem Brot. Ich versuchte mich auch an meinem Müsli ohne Milch, aber nichts half wirklich. Ich fühlte mich total unterzuckert und immer noch hungrig, dabei wollte ich gar nichts mehr essen, ich hatte das Gefühl, schon total viel gegessen zu haben. Mäh. Manchmal bin ich echt sauer auf diese blöden Intoleranzen...
Wir packten unsere Sachen und machten uns auf den Weg. Irgendjemand hatte A. und T. eine Wanderroute empfohlen, entweder 5-6 Stunden oder 2-3, je nachdem, ob man die große oder kleine Runde laufen würde. Die anderen waren begeistert für die 5-6, wer mich kennt weiß, dass ich nicht so der Wandertyp bin :D Vor allem aber hatte ich einfach die Sorge, ob ich das packen würde. Bin ja nicht mehr die sportlichste... Aber noch waren wir fit und munter, und los gings. Ab zum Shuttlebus, der uns an den Ausgangspunkt fahren würde.

Aber von wegen fit und munter, irgendwie wurde mir unterwegs übel und die Unterzuckerung machte sich bemerkbar. Ich fühlte mich ganz und gar nicht fit. Eher kränklich. Mal davon abgesehen, dass ich ohnehin seit ein paar Tagen huste... nicht viel, aber immer wieder. Keine so guten Voraussetzungen also, aber es wird schon irgendwie schief gehen.
Mein Rucksack platzte schier, so viel Zeug hatte ich dabei, dabei weiß ich nicht mal genau, was. Ich hatte eigentlich nur das rein, was ich als wichtig erachtete, und ich habe auch wirklich fast alles daraus gebraucht. Hm. Komisch.
Als wir ausstiegen stieg mit uns auch eine ganze Horde anderer Wanderer aus. Unsere Strecke schien wohl ein sehr beliebter Pfad zu sein, also folgten wir einfach mal der Meute.

Anfangs war es ja noch ganz nett, dann aber wurde es steil. Und blieb so, meistens. Oh je! Das Wandern hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt! Das artete ja wirklich in Arbeit aus. Wir liefen eine ganze Weile, bis wir irgendwann den ersten Wasserfall sahen, zu dem wir unterwegs waren. Meine Güte. Der war aber hoch. Und weit weg. Und da wollten wir hin? Und das war erst Station Nummer eins? Schon da wusste ich, für mich würde es keine große Runde geben. Mein Herz schlug teilweise richtig heftig, und das Gefühl von Unterzuckerung und Hunger hatte nicht nachgelassen, im Gegenteil. Wir stiegen als den Berg hinauf, und für mich war das definitiv kein Wandern mehr sondern Bergsteigen. Irgendwann wurde es so steil, dass es nur noch mit Stufen ging, und teilweise spritzte das Wasser vom Wasserfall uns vollkommen nass. Wohlgemerkt, nur die feinen Nebelspritzer... Ich hütete mich davor, runter zu schauen. Mittlerweile waren die Stufen teilweise nass und schlüpfrig, und ich fragte mich ernsthaft was geschehen würde, wenn hier jemand ausrutscht. Oder umknickt. Oder einen Kollaps kriegt. Hier ist doch gar keine Möglichkeit, außer vielleicht mit Hubschrauber, die Person vom Berg runterzukriegen! Lieber nichts passieren lassen.


Ganz am Ende, kurz vor dem Wasserfall, wurde es dann noch richtig gruselig. Wir mussten uns an einer Felswand entlangtasten, eigentlich nur Platz genug für eine Person, aber der Weg war für beide Richtungen. Also herrschte da ziemliches Gedränge, und das direkt über dem Abgrund, nur geschützt durch... ja, was eigentlich? Ich glaube, es war ein Geländer, aber ehrlich gesagt war ich so darauf konzentriert, nicht runter zu schauen und in Panik zugeraten dass ich das gar nicht mehr weiß. Aber irgendwann waren auch diese 20 Meter hinter mir und wir waren endlich da, oben am Wasserfall. Halleuja!



Wir knipsten, was das Zeug hielt. Die Sonne schien, es war warm, es war herrlich. Und wir beschlossen, eine Mittagspause einzulegen. Und das Gebräu zu trinken, welches T. hochgeschleppt hatte. Außer mir. Natürlich ;) Wir hatten "nur" zwei Stunden für den Weg gebraucht, es kam mir aber viel länger vor. Und ich war ganz schön erschöpft.
Nach unserer Mittagspause, die wir in der Sonne genossen, war es schon spät, so umngefähr drei. Also noch etwa drei, dreieinhalb Stunden bis zum Sonnenuntergang. Für mich war klar: Das schaffe ich nicht, noch die große Runde zu laufen. Das geht nur, wenn man es ohne Pause durchzieht. Und dazu war mein Körper einfach absolut nicht in der Lage. Ich wollte den anderen aber auch nicht den Tag versauen, also meinte ich, dass ich einfach alleine zurückgehen würde. Ich weiß, in den Bergen sollte man nicht alleine unterwegs sein, aber auf dem Hinweg waren die ganze Zeit so viele Leute um uns gewesen, ich wusste, sollte irgendwas sein würde mir sicher jemand helfen. Und es würde schon nichts passieren. Warum auch? Die anderen brachen also auf, ich blieb noch ein wenig in der Sonne und las. Irgendwann machte ich mich aber auch auf den Weg, ich wollte ja nicht selber zu spät kommen und bei Dunkelheit umherirren! Ich nahm nicht den gleichen Rückweg wie wir ihn schon gegangen waren sondern wollte die Runde zu Ende laufen. Schließlich hatte ich da ja schon die Hälfte hinter mich gebracht. Ungefähr. Ich lief also los, und stellte bald mit Unbehagen fest, dass hier irgendwie niemand unterwegs war. Alle liefen wohl auf dem gleichen Weg wieder zurück... Ich war so ziemlich alleine, weit und breit keine Menschenseele. Und der Pfad war nicht gerade der deutlichste, so dass ich Angst hatte, diesen zu verlieren. Es ging übrigens immer weiter bergauf und ich geriet schon halb in Panik, dass ich irgendwo auf dem Berg umher wanderte und nicht mehr zurückfinden würde, als mir plötzlich ein Pärchen entgegenkam. Meine Panik war ja auch wirklich unbegründet, denn der Weg war ja da... und wo sollte ich auch sonst sein? Typisch ich halt mal wieder ;)
Irgendwann kam ich dann auch an dem Punkt an, an dem sich die drei Wege treffen: Der Weg von dem ich kam, der Weg, der nach unten führte und der Weg, auf dem der Rest der Truppe nachher hier ankommen würde. Ich besah mir ein bisschen die Aussicht, die wirklich sehr schön war. Ich versuchte auch Fotos zu machen, aber die konnten die Schönheit nicht einfangen.


War irgendwie allgemein so, ein Foto ist einfach viel zu klein dafür. Während ich da so stand kamen deutsche Touris vorbei und versuchten herauszufinden, wo sie denn langmüssten. Ich sprach sie an (auf Deutsch ;) ), da waren sie aber ganz schön erschrocken :D Ich half ihnen weiter, und dann stellte sich heraus, dass das zweite Pärchen, dass da herumstand, auch deutsch war. Nur Deutsche hier in den Bergen... unglaublich.
Jetzt gings aber endlich abwärts. Meine anfängliche Freude darüber wich nach fünf Minuten dem Schrecken. Ich hatte ja so gehofft, diese Route würde nicht so gruselig Höhenangstmäßig sein wie der Hinweg. Pustkuchen. Noch viel schlimmer, neben dem Weg gings nämlich oftmals richtig steil abwärts. Hui. Ich betete mir also im Mantra vor, dass jeder Schritt mich näher an den Boden bringen würde und ich einfach nur durchhalten müsse. Je weniger ich in Panik geriet desto schneller würde ich unten sein... Übrigens waren mittlerweile mehrere Leute auf dem Weg, seit der Kreuzung oben auf dem Berg. Zwar nicht unmittelbar bei mir, aber ich hatte immer welche in Rufweite. Kein Grund zur Sorge also.



Irgendwann bewunderte ich gerade die Bäume oben, und da passierte es - ich trat in ein Loch auf dem Boden und knickte um. Mist. Im ersten Moment erschrak ich fürchterlich, das war genau das, wovor ich mich gefürchtet hatte. Der Knöchel tat schon ein wenig weh, aber der Schreck war wohl doch größer gewesen. So schlimm wars nämlich nicht, ich konnte problemlos weiterlaufen. Keine Panik also :D Das Abwärtslaufen ließ meine Beine irgendwann wahnsinnig zittern, und ich war heilfroh, als ich irgendwann endlich unten angekommen war. Man, war das eine Arbeit! Es war schon halb sechs, und ich hoffte, dass die anderen nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen würden. Es wurde schon langsam ein kleines bisschen dunkler und damit auch kühler. Ich machte es mich an der Bushaltestelle gemütlich, mit meinem Theaterzeug zum auswendiglernen. Mir tat alles weh, Hüfte, Hals, Nacken und meine Beine. Morgen würde sicher toller Muskelkater auf mich warten. Und ich war hungrig. Wahnsinnig hungrig. Immer noch. Ich saß da also, mit meinem Brot auf dem Schoß, meinen Theaterzetteln in der Hand, eingehüllt in eine Decke. Ein, zwei Shuttlebusse fuhren vorbei, und ich saß immer noch wartend da. Irgendwann kam eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, welche vielleicht fünf, sechs Jahre alt war. Und diese Tochter meinte traurig zu ihrer Mutter, dass sie wahnsinnigen Hunger hätte. Ihre Mutter meinte, dass sie leider nichts mehr haben würde. Das Mädchen sagte dann traurig, dass sie sogar trockenes Brot essen würde... Und da wars dann um meine Zurückhaltung geschehen. Ich konnte schlecht mit einem fast ganzen Brotlaib auf dem Schoß dasitzen während die Kleine schier verhungerte ;) Also bot ich ihr etwas an, was sie dann auch dankend annahm. Die Mutter schien sehr erleichtert, und das zweite, was sie mir nach ihrem Dank mitteilte war: "Are you German?" MAAAN! Dieser blöde Akzent. Unglaublich. Da sagt man zwei Sätze und wird sofort als Deutsche identifiziert. Schrecklich. Es stellte sich aber heraus, dass diese Frau einige Jahre in Deutschland gelebt hatte, sie hat irgendwie schon die halbe Welt gesehen. Geboren in den USA, und dann in sicher fünf, sechs Ländern. Hab die Hälfte schon wieder vergessen ;) Und jetzt ist sie wieder zurück in den USA. Na gut, vielleicht hat sie mich auch deshalb so schnell erkannt. Wir unterhielten uns noch ein wenig, dann kamen ihr Mann und ihr Sohn und sie bestiegen den nächsten Shuttlebus. Mir war mittlerweile, trotz Decke, eisig kalt. Zum Glück kamen auch die anderen drei gegen halb sieben und wir bestiegen den nächsten Shuttlebus. Ich wärmte mich da ein bisschen auf, aber wirklich gut half das nicht. Zurück im Camp stiegen wir dann ins Auto ein und fuhren zum großen Supermarkt. Ich hatte ja nichts mehr zu essen... Im Auto war mir dann zum ersten Mal endlich wieder ein bisschen warm. Am liebsten wäre ich da die ganze Zeit geblieben, aber irgendwann wäre wohl das Benzin alle. Nicht gut.
Im Supermarkt wärmte ich mich dann weiter auf und kaufte mir so eine silberne Notfall-Wärmedecke. Ihr wisst schon, diese Teile die aussehen wir eine große Alufolie. Nachdem es schon keine Leggings oder so gab. Lauter T-Shirts und Pullis, aber keine Leggings *grml* Naja, dann musste es heute eben diese Alufolie tun. Außerdem kaufte ich noch mal Würstchen, ich habe die Sorte schon mal probiert und als nicht empfehlenswert empfunden, aber sie waren billig und ich wusste, ich vertrage sie. Die anderen mit einer Zutatenliste, die okay gewesen wäre, wären drei Mal so teuer gewesen, ne, das wollte ich dann nicht. Außerdem kaufte ich noch Postkarten und einen Ansteckpin für meine Sammlung ;) Irgendwie hatte ich eine ganz miese Laune. Es war kalt, ich war hungrig und mir stand eine nicht besonders tolle Nacht bevor... ganz super.
Wir fuhren also wieder zurück zu unserem "Zelt", wo wir uns am Feuer versuchten. Dieses Mal hatten wir Feuerpaste gekauft, damit sollte das doch eigentlich funktionieren. Wir sich herausstellte, war das Holz aber wohl feucht, denn es tat sich rein gar nichts. Die Feuerpaste verbrannte munter und ließ das Holz unberührt. Wir mühten uns sicher eine halbe Stunde mit dem Feuer ab, versuchten unser Bestes mit Tannenzapfen und langen Tannennadeln (apropos Tannenzapfen: Heute früh fiel T. beinahe einer auf den Kopf, und zwar mit einer super Geschwindigkeit. Außerdem haben diese Dinger hier fast schon Dornen und sind schwer - wenn da einer auf den Kopf fällt ist das sicher eine Platzwunde. Mindestens...). Irgendwann hatten wir ein bisschen Feuer zusammen, um darauf kochen zu können, sonderlich wärmend war das aber nicht. E. kochte in einer Pfanne Wasser für Maccaroni mit Käse, T. und A. stellten sich Dosensuppe auf den Rost, ich natürlich meine Würstchen. Außerdem heute noch etwas Brot, schließlich war das ja nicht mehr das Frischeste. Mir war wirklich eisig kalt! Und irgendwann beschloss ich, einfach mal mein Zeug zu essen. Egal ob das jetzt schon fertig war oder nicht! Und siehe da, mir wurde plötzlich warm. Und meine Laune stieg von Untergrund bis in den Himmel. Was so eine warme Mahlzeit ausmachen kann! Das war echt der Wahnsinn. Die Wärme hielt aber leider nicht so lange an, also wickelte ich mich in die "Decke" ein. Ich bildete mir ein, dass es ein wenig half, viel aber auch nicht. Hatte mir irgendwie mehr erhofft... Wenigstens meine Laune blieb aber, wo sie war, auch wenn sie langsam von Müdigkeit überdeckt wurde. Wir quatschten noch eine Weile, ich betrachtete den Endor-Sternenhimmel, und gegen halbzwölf wurden E. und ich so müde, dass wir ins Bett gingen. A. und T. folgten uns. Ich hatte beschlossen, einfach alles anzuziehen, was ich da hatte, was ich dann auch tat. Ich wickelte mich in meine Decke ein und begann wirklich langsam Wärme zu spüren. Vielleicht würde die Nacht ja gar nicht so kalt werden wie befürchtet...

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